Anstand der Eltern

Aus Das Zweimalzwei der Erziehung
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Der heute weitverbreitete - und an sich lobenswerte - Respekt der Eltern ihren Kindern gegenüber darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kinder in den ersten Jahren ausschliesslich Klartext verstehen. Das heisst, alles Bitten oder höfliche Fragen der Eltern können Kinder noch gar nicht richtig verstehen, sie sind damit geradezu überfordert!

Lassen Sie also in den ersten Jahren sämtliche Höflichkeitsfloskeln konsequent weg: sie sind nicht nur unnötig, sondern geradezu kontraproduktiv. Insbesondere während der Willensbildung ist es entscheidend, dass Sie in eine Art kategorischen Imperativ wechseln: Wenn das Kind zum Beispiel sein Geschwister schlägt, muss Ihre Reaktion ein lautstarkes und absolutes "Nein!" sein. Ihr "Nein" darf in einer solchen Situation keine Relativierung beinhalten und keinen Widerspruch zulassen. Sie dürfen das Kind ohne weiteres auch mal damit erschrecken, das schadet gar nichts. Denn es braucht dringend eine Grenze, die nur Sie ihm geben können. Wenn Sie das Kind hingegen bitten, mit Schlagen aufzuhören, genügt das nicht, da das Kind noch nicht gelernt hat, all die Grautöne zwischen "Ja" und "Nein" zu unterscheiden. Es ist mit Bitten noch schlicht überfordert und Sie werden es regelmässig noch zehn weitere Male bitten müssen, bis es verstanden hat, was es tun soll. Und im schlimmsten Fall hat es immer noch nicht verstanden und Sie verlieren die Geduld und tun dem Kind womöglich Gewalt an, indem Sie es selbst schlagen, wegreissen oder wegsperren.

Anstandsregeln sind also in den ersten vier Jahren für das Kind noch weitgehend unverständlich (auch wenn man sie ihm natürlich gewissermassen andressieren kann und es sie zumindest mechanisch nachplappern wird). Solche Regeln des Umgangs unter Menschen haben aber durchaus ihre Berechtigung im Rahmen der Sozialisation: Wenn das Kind erst einmal genügend Selbstvertrauen aufgebaut hat und Grenzen respektieren kann, wird es auch langsam aber sicher fähig sein, all die Nuancen zwischen Wille, Wunsch, Verlangen usw. kennenzulernen. Das müssen Sie dem Kind aber in der Regel nicht speziell beibringen, denn es nimmt Sie ja von Natur aus zum Vorbild und wird Ihnen schon aus diesem Grund das meiste irgendwann nachahmen. Wichtiger ist hingegen, dass Sie ab diesem Zeitpunkt mit dem Kind über Sinn und Unsinn von solchen Regeln sprechen, zumal das Kind jetzt auch die Erfahrung macht, dass diese Regeln von Familie zu Familie durchaus unterschiedlich sind.

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