Aufmerksamkeit der Eltern

Aus Das Zweimalzwei der Erziehung
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Bedeutung für die Erziehung

Aufmerksamkeit ist eine der wichtigsten Erziehungskompetenzen, die Eltern mitbringen sollten. Dabei geht es vor allem darum, dass Sie lernen zu erkennen, wann das Kind von Ihnen

braucht. Am einfachsten geht das, wenn Sie sich der Entwicklung des Kindes von Anfang an bewusst sind. Dann können Sie sich nämlich zunächst rund zwei Jahre lang auf die Vertrauensbildung und dann weitere rund zwei Jahre zusätzlich auf die Willensbildung konzentrieren (und danach werden Sie fähig sein, je nach Situation nach dem einen oder anderen Prinzip reagieren zu können). Aufmerksam müssen Sie natürlich auch gegenüber all den Gefahren sein, die Kindern in unserer Gesellschaft drohen. Allerdings werden Gefahren von den Eltern in aller Regel überschätzt, da es sich zumindest in den ersten Jahren meistens um blosse Bagatellgefahren handelt, aus denen Kinder in erster Linie lernen könnten und die höchst selten zu eigentlichen Verletzungen führen.

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Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)

Während der Phase der Vertrauensbildung geht es für Sie als Eltern vor allem darum, dass Sie erstens die Grundbedürfnisse des Kindes erkennen lernen und zweitens lernen, den Fähigkeiten des Kindes zu vertrauen.

Grundbedürfnisse des Kindes

In den rund ersten zwei Jahren hat das Kind ausschliesslich Grundbedürfnisse. Das macht es für Sie insofern einfach, als dass Sie sich bei einem schreienden Kind nie fragen müssen, ob ihm etwas fehlt: Es fehlt ihm immer etwas und es geht immer um etwas Grundlegendes, etwas auf das es weder warten, geschweige denn einfach verzichten könnte! Grundbedürfnisse des Kindes müssen in dieser Zeit deshalb möglichst immer und sofort befriedigt werden. Denn das Kind hat noch keine Vorstellung einer Zukunft. Wenn es zum Beispiel Hunger hat und nicht gestillt wird, fürchtet es zu verhungern (es kann noch nicht wissen, dass es bloss noch ein wenig warten muss); Oder wenn es Ihre Nähe braucht und Sie bitten es, sich zu gedulden, empfindet es das in diesem Alter schlicht als Liebesentzug. Erst wenn das Kind immer wieder erfahren hat, dass es von Ihnen alles erhält, was es braucht, also zum Beispiel zuverlässig getröstet wird oder dass Sie jedes Mal noch da sind, wenn es aufwacht, wird es sich in seinem Vertrauen in Sie bestätigt fühlen.

Sie müssen also aufmerksam sein und bereit sein, wenn dem Kind etwas fehlt. Und Sie müssen aufmerksam sein um zu erkennen, ab wann das Kind genügend erfahren hat, dass es sich auf Sie verlassen kann. Dann nämlich können Sie ihm mehr und mehr zumuten. Wenn es zum Beispiel darum geht, das Kind abzustillen, müssen Sie den Zeitpunkt erkennen, wo das Kind zum essen bereit ist und nach und nach auf die Mutterbrust verzichten kann, weil es in seinem Vertrauen bestätigt wurde, dass es immer erhält, was es braucht. Ein anderes besonders geeignetes Übungsfeld ist das Laufen lernen: Achten Sie sich darauf, ob das Kind selbst gehen möchte, statt getragen zu werden. Lassen Sie es wann immer möglich laufen, wenn es Lust dazu hat und tragen Sie es, wenn es danach verlangt. Gerade der Übergang ist sehr wichtig: Ein Kind, das laufen lernt, braucht gleichzeitig den bedingungslosen Rückhalt seiner Eltern, also die Versicherung, dass es auch noch getragen wird, weil es müde ist oder weil es schlicht Ihre Nähe braucht. Denn Getragen werden hat nicht bloss mit Müde sein oder gar Bequemlichkeit zu tun, sondern vor allem auch mit Vertrauen (weshalb man ja von "Getragen werden" auch im übertragnen Sinn spricht).

Viel Aufmerksamkeit braucht das Kind auch, wenn ihm etwas weht tut oder wenn es traurig ist. Dann ist einzig wirklicher Trost gefragt. Sie müssen dann insofern achtsam sein, als Sie nicht in Versuchung kommen, dem Kind zum Beispiel Vorwürfe für sein Missgeschick zu machen, sondern es zuerst einmal bedingungslos zu trösten. Denn Trost braucht das Kind immer, ganz unabhängig davon, ob es "selbst schuld" ist oder nicht. Erst wenn es sich völlig ausgeweint hat, können Sie es zum Beispiel fragen, was passiert sei und ihm allenfalls erklären, was der Grund war. Letzteres ist in der Regel aber meistens kaum nötig, da das Kind ja gerade selbst erfahren hat, was Ursache und was Wirkung war.

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Fähigkeiten des Kindes

Die elterliche Fürsorge ist zunächst vor allem auf die Hilflosigkeit des Neugeborenen ausgerichtet, da Menschenkinder am Anfang tatsächlich auf Gedeih und Verderb auf ihre Eltern angewiesen sind. Allerdings sollten Sie sich auch von Beginn an bewusst sein, dass das Kind schon alle Fähigkeiten bereits in sich hat. Es muss sie bloss noch entwickeln dürfen. Beobachten Sie deshalb sehr genau, was das Kind alles selbst tun will oder zumindest selbst probieren will. Es lernt in erster Linie durch eigenen Erfahrungen. Vergessen Sie dabei möglichst alle Entwicklungstabellen und verzichten Sie auf Vergleiche mit den Nachbarskindern. Bleiben Sie stattdessen aufmerksam für das, was Ihr Kind kann, denn jedes Kind entwickelt sich völlig individuell. Diese individuelle Entwicklung sollten Sie dem Kind zumindest in den beiden ersten, alles entscheidenden Phasen der Erziehung zugestehen. Die allgemein gültigen Lehrpläne kommen mit dem Eintritt in die Schule noch früh genug.

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Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)

Wenn das Kind beginnt seinen Willen zu entwickeln, in der Regel etwa im dritten Lebensjahr, wird Ihre Aufmerksamkeit noch mehr gefordert sein. Denn plötzlich müssen Sie innert kürzester Zeit entscheiden, ob Sie zulassen wollen, was dem Kind gerade einfällt oder ob Sie sich der Absicht des Kindes entgegensetzen wollen. Und zu guter Letzt, sollten Sie auch noch möglichst zum voraus wissen, wie Sie sich gegebenenfalls durchsetzen wollen (da Sie ansonsten regelmässig "auf dem falschen Fuss erwischt" würden!). Die meisten Eltern werden das nicht auf Anhieb schaffen, was aber insofern nicht weiter schlimm ist, als ihnen die Kinder immer wieder Gelegenheit zum "üben" geben werden!

Wille des Kindes

Der frisch erwachte Wille des Kindes ist in der aller Regel eine äusserst heftige Kraft, die weder Rücksicht noch Kompromisse kennt. Und sie übersteigt das Bedürfnis nach Befriedigung der Grundbedürfnisse bei weitem. So geht es dem Kind zum Beispiel nicht mehr darum, dass es einfach etwas zu essen erhält, weil es Hunger hat, sondern es will plötzlich nur noch Reis statt Teigwaren. Und es wird um den Reis kämpfen, als ob es sonst verhungern würde. Als Eltern müssen Sie deshalb zunächst lernen, die Grundbedürfnisse von den Wünschen zu unterscheiden. Gleichzeitig müssen Sie sich auch noch sicher sein, ob Sie den Wünschen des Kindes nachgeben wollen oder nicht. Und schliesslich verlangt das Kind in solchen Situationen eine sofortige Reaktion von Ihnen, ansonsten es Ihr Zögern sehr schnell durchschauen wird und die Grenzen entsprechend auszuloten beginnt. Gerade wenn das Kind zu toben beginnt, müssen Sie besonnen reagieren können. Wenn Sie in solchen Momenten nicht aufmerksam genug sind, werden Sie die Konfrontation womöglich völlig falsch einschätzen und unangemessen reagieren.

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Grenzen der Eltern

Kinder kommen gewissermassen grenzenlos zur Welt. Gerade Mütter empfinden denn auch häufig, dass es zwischen ihnen und dem Kind eigentlich keine Grenze gibt. Dieses bedingungslose Dasein für das Kind ist in der Phase der Vertrauensbildung natürlich eine hervorragende Grundlage für die Beziehung. Spätestens aber wenn das Kind versucht, seinen Willen durchzusetzen, werden auch die "verständnisvollsten" Eltern an ihre natürlichen Grenzen kommen. Eltern müssen deshalb auch für ihre eigenen Grenzen aufmerksam sein genug sein, ansonsten sie sich von den eigenen Kindern sehr schnell ausgelaugt fühlen werden. Wenn zum Beispiel das Kind möglichst viel Lärm machen will, müssen Sie wissen, ob Sie das noch tolerieren wollen oder nicht. Falls nicht, müssen Sie ihm zunächst klar sagen, dass es Ihnen zu laut ist. Dann können Sie es zum Beispiel wählen lassen, ob es leiser werden will oder ob es in seinem Zimmer weiterlärmen will. Auf diese Weise lernt das Kind, dass es erstens Ihre Grenzen überschritten hat und zweitens dass es mit Ihnen über eine Lösung verhandeln kann, Sie also mit ihm eine Vereinbarung treffen. Das wird anfangs vielleicht nicht immer so einfach und gepflegt vor sich sehen, das heisst, Sie müssen sich auch auf "Tobsuchtsanfälle" gefasst machen. Auch dann ist Ihre erhöhte Aufmerksamkeit gefordert: Atmen Sie zuerst einmal durch und besinnen Sie sich darauf, dass Ihr Kind bloss gerade daran ist, eine seiner wertvollsten Kräfte überhaupt zu entwickeln, nämlich seinen eigenen Willen, und dass es nun Ihre ganze Aufmerksamkeit braucht. Denn nur mit dieser Gelassenheit werden Sie angemessen reagieren und sich danach mit ihm versöhnen können.

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Bagatellgefahren und wirkliche Gefahren

Die Verletzlichkeit von Kindern bringt es mit sich, dass die meisten Eltern in den ersten Jahren in dauernder Sorge um das Wohl ihrer Kinder stehen. Die Sorge ist zwar grundsätzlich durchaus berechtigt, doch werden die Risiken häufig falsch eingeschätzt, indem sich Eltern darauf konzentrieren, Kinder vor blossen Bagatellgefahren zu behüten, sodass diese den Umgang mit Risiken gar nie richtig lernen können und gerade deshalb später wirkliche Gefahren nicht richtig einschätzen können. Das Überbehüten von Kindern ist also äusserst kontraproduktiv. Achten Sie sich deshalb darauf, welche Gefahren Sie dem Kind zumuten können. Gerade wenn das Kind lernt zu laufen, wird es anfangs dauernd hinfallen, allerdings ohne jegliche ernsthafte Gefahr sich dabei zu verletzen. Halten Sie deshalb Ihre schützenden Hände zurück und seien Sie dafür bereit, falls das Kind allenfalls Trost benötigt (in der Regel genügt ja nach dem Hinfallen schon eine Ermunterung wieder aufzustehen).

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Weitere Missverständnisse und Erziehungsfallen

In der Erziehung wartet eine ganze Reihe möglicher Missverständnisse, bei denen Eltern aufmerksam sein sollten, insbesondere:

  • Eigene Gefühle und Gefühle des Kindes: Die grosse Nähe bringt es mit sich, dass Eltern meinen, sie könnten die Gefühle ihrer Kinder wahrnehmen. Wohl mögen Eltern sehr häufig richtig liegen, da diese Nähe natürlich ein grosses gegenseitiges Verständnis mit sich bringt. Doch tun Sie gut daran, sich jeweils zu versichern, ob Sie mit Ihrer Vermutung wirklich richtig liegen, denn Ihr Kind hat eine eigene Persönlichkeit und somit ein eigenes Empfinden. Fragen Sie deshalb zum Beispiel ein weinendes Kind, ob es traurig ist oder ob es sich erschreckt hat oder gar wütend ist. Sie werden bestimmt immer mal staunen, dass es anders empfindet, als Sie dachten!
  • Mitleid und Mitgefühl: Ähnliches gilt auch, wenn das Kind leidet: Versuchen Sie zuerst Ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen und in dieser Haltung das Kind zu trösten. Dem Kind ist nämlich nicht geholfen, wenn Sie einfach auch noch beginnen zu leiden! Sie sind dem Kind nur dann eine Hilfe, wenn Sie in solchen Situationen eine gewisse Gelassenheit haben.
  • Gefühle und Emotionen: Aufmerksam müssen Sie auch sein, wenn es darum geht, Gefühle von Emotionen zu unterscheiden: Emotionen sind bloss Ausdruck der Gefühle, so können zum Beispiel Tränen Ausdruck von Trauer oder von Wut sein. Fragen Sie deshalb das weinende Kind zuerst, ob es traurig ist.
  • Positives und negatives Verwöhnen: Viele Eltern meinen, sie dürften ihre Kinder ja nicht verwöhnen, da sie sonst sehr wählerisch werden könnten. Dabei muss aber unterschieden werden, um was es wirklich geht: In der Phase der Vertrauensbildung sollten Sie immer und möglichst sofort sämtliche Grundbedürfnisse des Kindes befriedigen. Wenn Sie zum Beispiel das Kind immer in die Arme nehmen, wenn es danach verlangt, ist das ein positives Verwöhnen. Erst wenn das Kind beginnt seinen Willen zu entwickeln, in der Regel etwa im dritten Lebensjahr, beginnt es auch Wünsche anzumelden, die Sie natürlich zuerst prüfen müssen, ansonsten eben die Gefahr des negativen Verwöhnen droht. Sie müssen Sie sehr aufmerksam sein und jeweils beurteilen, ob es sich um wirkliche Grundbedürfnisse oder eher um Wünsche handelt. Denn während erstere immer und bedingungslos befriedigt werden sollten, dürfen, ja sollen Sie die Erfüllung von Wünschen durchaus auch an Bedingungen knüpfen.

Im Grunde genommen, geht es also vor allem darum, dass sich Eltern der wichtigsten Phasen der Erziehung, also der Vertrauensbildung und der Willensbildung, bewusst sind. Kinder sind denn auch hervorragende Lehrmeister, wenn es darum geht, Aufmerksamkeit zu lernen!

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Weiterführende Themen

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Übergeordnete Prinzipien


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