Erfahrungen

Aus Das Zweimalzwei der Erziehung
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Bedeutung für die Erziehung

Kinder lernen im wesentlichen durch eigene Erfahrung und durch Nachahmung. Oder anders gesagt: Was ein Kind nicht selbst ausprobiert hat, hat es auch nicht gelernt. Da ein Kind gewissermassen bei Null beginnt, sind die ersten Erfahrungen des Kindes die weitaus wichtigsten. Gleichzeitig verlangen sie von den Eltern am meisten Geduld.

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Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)

Am Anfang sind die Erfahrungen des Kindes noch eher passiv: Es erfährt zum Beispiel, dass es gestillt wird, wenn es Hunger hat oder gehalten wird, wenn es Nähe braucht. Die Erfahrung des Kindes, dass seine Grundbedürfnisse immer und voll befriedigt werden, stärkt sein Vertrauen in das Leben und somit sein Selbstvertrauen.

Schon bald wird das Kind nicht mehr bloss reflexartig den hingehaltenen Finger greifen, sondern gezielt seine Umgebung erkunden. Es wird beim Ertasten erfahren, dass es Dinge gibt, die zum Beispiel weich oder hart, trocken oder nass, eher angenehm oder unangenehm sind. Es sind elementarste Erfahrungen aus denen das Kind lernt. Und wenn es genügend Erfahrungen gemacht hat, wird es eine Regelmässigkeit feststellen. Zum Beispiel wird es irgendwann zum Schluss kommen, dass alles, was in einem Teller liegt, den Sie auf den Tisch stellen, zum essen gedacht ist.

Diese Erfahrung kann nicht abgekürzt werden, indem Sie ihm zum Beispiel nach dem Abstillen einfach die Regel mitteilen, dass es nur essen darf, was im Teller liegt, der auf dem Tisch steht. Das Kind muss diese Regel erfahren können um sie zu verstehen. Sie können dem Kind aber helfen, die Regelmässigkeit zu erfahren, indem Sie auf einen Rhythmus achten oder gar kleinere "Rituale" einführen. Es genügt schon, dass Sie das Kind zum Beispiel immer drei Mal täglich und immer aus dem gleichen Kinderteller essen lassen (und vielleicht beim Anziehen des Lätzchens jeweils ein Spässchen machen). Durch diese wiederholten Erfahrungen gewinnt das Kind Vertrauen, also die Grundlage jeder Beziehung und somit auch Ihrer Erziehungsarbeit.

Wenn das Kind bemerkt, dass seine Eltern mit Besteck essen, will es das irgendwann auch (den richtigen Zeitpunkt dafür kennt im übrigen nur das Kind selbst!). Lassen Sie das Kind selbst ausprobieren. Auch wenn Sie genau wissen, dass es das Kind kaum auf Anhieb schaffen wird, den vollen Löffel selbst in den Mund zu führen, muss es dies unbedingt erfahren haben. Bleiben Sie geduldig und fragen Sie frühestens nach einigen vergeblichen Versuchen ob Sie ihm helfen sollen (möglicherweise signalisiert es Ihnen auch schon von sich aus, dass es Ihre Hilfe verlangt). Vertrauen Sie Ihrem Kind und seinen Fähigkeiten, dass es diese (im übrigen nicht ganz so einfache!) Aufgabe schaffen wird. Ihre wichtigste Aufgabe dabei ist nicht etwa dem Kind zu helfen, sondern geduldig zu warten, bis Sie sicher sind, dass das Kind seine Versuche aufgegeben hat oder es von sich aus Hilfe verlangt. Freuen Sie sich also zunächst einmal darüber, welch unglaublich grosse Ausdauer und Geduld Kinder beim Lernen aufbringen können!

Wenn Sie hingegen dauernd dem Kind mit Ihrer - wenn auch gut gemeinten - Hilfe zuvorkommen, wird es im besten Fall protestieren und schlimmsten Fall resignieren. Streng genommen bedeutet unaufgeforderte Hilfe immer mangelnden Respekt für die Fähigkeiten. Und wenn Sie den Fähigkeiten des Kindes nicht vertrauen, wird das Kind entsprechend wenig Selbstvertrauen aufbauen können. Die Folgen davon sind Bequemlichkeit und Abhängigkeit. Sie tun also nicht nur dem Kind sondern auch sich selbst einen grossen Gefallen, wenn Sie sich in den ersten Jahren etwas mehr Zeit nehmen und das Kind selbst ausprobieren lassen, statt ihm die Anstrengung abzunehmen, weil es für Sie viel einfacher wäre. Diese "Investition" wird sich später mehrfach auszahlen, wenn Sie gewissermassen die Früchte der Selbständigkeit ernten können!

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Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)

Wenn das Kind beginnt seinen Willen zu entwickeln, wird sein Drang alles selbst auszuprobieren geradezu potenziert. Und wenn Sie nicht schon in der Phase der Vertrauensbildung gelernt haben, sich beim Helfen zurückzuhalten, werden Sie es spätestens jetzt und notgedrungen lernen müssen: Hat das Kind erst einmal erfahren, welch unglaublich starke Kraft ihm sein Wille verleiht, wird es nicht mehr so einfach zulassen, dass ihm ständig jemand zuvorkommt, der meint, es besser zu können! Das "Nein!" des Kindes gegen unverlangte Hilfe ist also zunächst einmal ein ausgesprochen gutes Zeichen für seine gesunde Entwicklung: Es zeigt damit einzig, dass es lernen will und zwar durch eigene Erfahrung.

Nun bedeutet das aber nicht etwa, dass Sie das Kind "ohne Rücksicht auf Verluste" wirken lassen sollen. Ganz im Gegenteil: Dem Willen des Kindes müssen Grenzen dort gezeigt werden, wo Sie diese gesetzt haben. Wenn das Kind also zum Beispiel erfahren will, was geschieht, wenn es die Spaghetti durch das Wohnzimmer schleudert, dürfen, ja müssen Sie sich fragen, ob Sie das zulassen wollen. Wenn nicht, muss Ihre Antwort laut und deutlich "Nein!" heissen. Denn auch das ist eine Erfahrung: Das Kind hat gelernt, dass es zwar etwas ausprobieren darf und dafür nicht etwa bestraft wird, dass seinem Willen aber auch Grenzen entgegengesetzt werden. Diese Grenzen wird das Kind je einfacher respektieren können, je mehr Sie in der Vertrauensphase zugelassen hatten, dass das Kind möglichst alles selbst erfahren durfte.

Besteht diese Vertrauensbasis hingegen nicht, wird das Kind auch mehr Mühe haben, Ihren Willen zu respektieren. Denn Respekt beruht immer auf Gegenseitigkeit. Doch während in einer Beziehung unter Erwachsenen beide Partner dafür verantwortlich sind, kommt diese Verantwortung in der Erziehung einzig den Eltern zu.

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Sozialisation bis Pubertät (etwa 4 bis 16 Jahre)

Nach etwa vier Jahren, also in der Regel mit dem Eintritt in die (Vor)Schule, sollte das Kind so reif sein, dass es grundsätzlich selbst abschätzen kann, welche Risiken es einigermassen gefahrlos eingehen kann. Es kann dann zum Beispiel abschätzen, ob es aus einer bestimmten Höhe herunterspringen kann, ohne sich zu verletzen. Dieses Gespür für Risiken hat das Kind aber nur, wenn es während den ersten Jahren genügend eigene Erfahrungen machen durfte. Wenn das Kind in dieser Zeit dauernd durch verängstigte Eltern von "zu hohen" Mäuerchen heruntergerissen wird, weil ihm nicht zugemutet wurde, das Risiko selbst abzuschätzen, wird es später, in Abwesenheit der Eltern, umso mehr den Drang haben, die Erfahrung nachzuholen - und gleichzeitig um so weniger Gespür dafür haben, ob es sich das auch wirklich zumuten sollte! Der "Schutz" vor eigenen Erfahrungen ist also höchst kontraproduktiv.

Kinder haben von Natur aus ein ausgesprochen gutes Gespür für Risiken. Als Eltern müssen Sie aber darauf achten, dass Ihr Kind dieses Gespür auch behält. Vertrauen Sie ihm deshalb, wenn es von sich aus irgendwo hochklettern will, drängen Sie es aber auch nicht, wenn es sagt, es hätte Angst von irgendwo herunterzuspringen, auch wenn Sie der Meinung sind, das sei harmlos: Das Kind muss die Erfahrung selbst und aus eigenem Entschluss machen können! Und seine Gefühle sind ihm dabei ein hervorragender Ratgeber.

Das gilt erst Recht für Jugendliche, denn ab einem gewissen Alter können auch übervorsichtige Eltern Ihre Schützlinge nicht mehr dauernd überwachen, beziehungsweise diese werden sich umso mehr der Überwachung zu entziehen versuchen, je ängstlicher sich die Eltern verhalten. Gleichzeitig werden auch die Risiken selbst mit der körperlichen Entwicklung immer grösser. Es ist denn auch keine Zufall, dass gerade überbehütete Kinder später die gravierendsten Risiken eingehen, da ihnen einerseits das Gespür für Gefahren abhanden gekommen ist und sich andererseits ein immenses Nachholbedürfnis für eigene Erfahrungen aufgestaut hat.

Alle Warnungen und Erklärungen der Eltern können niemals die eigenen Erfahrungen des Kindes ersetzen. Aber Jugendliche, die als Kinder eigene Erfahrungen machen durften, sind viel offener dafür Rat einzuholen, wenn sie ihn brauchen.

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Weiterführende Themen

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Übergeordnetes Prinzip

Selbstvertrauen (erstes Grundprinzip der Erziehung)