Geduld des Kindes

Aus Das Zweimalzwei der Erziehung
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Bedeutung für die Erziehung

Geduld bedeutet vor allem warten zu können, bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Das können Kinder bereits von Natur aus bestens, jedenfalls solange als ihre Grundbedürfnisse befriedigt sind: Schon das ungeborene Kind hat während der ganzen Schwangerschaft auf den einen Moment gewartet, da es zur Geburt bereit war. In dieser Zeit hat es aber immerzu alles erhalten, was es brauchte.

Das ist auch Voraussetzung, wenn das Kind seine Geduld soll bewahren können! Die Geduld des Kindes hängt einzig davon ab, ob es den Eltern gelingt, in den ersten, alles entscheidenden Phasen der Erziehung dem Kind das zu geben, was es braucht.

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Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)

Geduld und Grundbedürfnisse des Kindes

Für die Vertrauensbildung braucht das Kind vor allem die Gewissheit, dass alle seine Grundbedürfnisse wie Nahrung, Wärme, Gehalten werden oder Trost möglichst immer, sofort und bedingungslos befriedigt werden. Sobald ihm etwas fehlt, beginnt es zu schreien. Dann sollten Sie als Eltern immer sofort reagieren. In dieser Phase müssen Sie unbedingt das Vertrauen in Ihr Kind entwickeln, dass ihm immer etwas fehlt, wenn es schreit. Denn in dieser Phase hat das Kind noch keine Vorstellung einer Zukunft, zum Beispiel hat es jetzt Hunger und will jetzt gestillt werden. Es hilft also gar nichts, wenn Sie dem Kind sagen, es könne doch noch warten oder es soll doch nicht so ungeduldig sein. Mit solchen Forderungen würden Sie das Kind bloss überfordern, was sich kontraproduktiv auswirken würde.

Vergessen Sie auch gleich die Idee, dass Kinder in diesem Alter schon "unverschämte Wünsche" oder "manipulativen Absichten" entwickeln würden! Dazu ist ein Kleinkind noch gar nicht fähig, es sei denn, es wäre seinerseits von den Eltern dermassen manipuliert worden. Das geschieht sehr oft, wenn auch meistens ohne böse Absicht. Wenn Sie dem Kind zum Beispiel Essen nur unter unsinnigen Bedingungen geben ("Du bekommst Schokolade, wenn Du der Grossmutter einen schönen Kuss gibst") oder dem Kind Trost vorenthalten ("Du bist ganz selbst schuld, ich habe Dir ja gesagt, Du sollst nicht.... - jetzt kannst Du selbst schauen."). Das Kind kann daraus zum Beispiel lernen, dass es einfach jemandem einen Kuss gibt und dann etwas verlangen darf oder dass es am besten gar nicht auf seine Eltern hört und behauptet, das Geschwister hätte ihm den Blödsinn vorgeschlagen, da es sonst keinen Trost erhält.

Wenn das Kind jedoch genügend lange erfahren konnte, dass seine Eltern immer zuverlässig für seine Grundbedürfnisse da sind, wenn es etwas braucht, wird es irgendwann auch warten können, wenn es Durst hat oder gehört werden will. Es weiss dann, dass es ein "Später" gibt und kann sich damit abfinden, dass es nicht alles unmittelbar erhalten muss und trotzdem "überleben" kann. Bis das Kind so reif ist, müssen Sie aber als Eltern entsprechende Geduld aufbringen.

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Geduld des Kindes und Geduld der Eltern

Kinder lernen Ungeduld auch durch Nachahmung ihrer Eltern lernen: Wenn Sie als Eltern zu wenig Geduld für das Kind aufbringen, wird es seinerseits an Geduld verlieren. Lernen Sie deshalb möglichst von Anfang an, dem Kind so viel Zeit zu lassen, wie es braucht. Es ist ein Zeichen Ihres Vertrauens, wenn Sie das Kind selbst bestimmen lassen können, wann es zum Beispiel bereit ist, mit dem Löffel essen zu lernen. Lassen Sie es genau dann machen, wenn es von sich aus damit beginnen will - und nicht etwa dann, wenn es nach irgendeiner Entwicklungstabelle, die ja bloss auf statistischen Durchschnittswerten basiert, so weit sein sollte. Vergleichen Sie die Entwicklung auch nicht mit jener von Kinder aus der Nachbarschaft oder von Verwandten: Ihr Kind ist einmalig und lernt genau das, was es im Moment braucht (Lehrpläne wird es in der Schule noch früh genug haben). Halten Sie sich auch zurück, wenn Sie der Meinung sind, das Kind brauche Ihre Hilfe: Warten Sie und fragen Sie es zuerst, ob Sie wirklich helfen sollen. Je mehr Sie sich aufdrängen, desto mehr setzen Sie das Kind unter Druck. Die Folge ist, dass das Kind die an sich angeborene Geduld verliert! Das gleich gilt, wenn Sie vom Kind mehr erwarten, als es aufgrund seiner Entwicklung kann. In dieser Phase geht es also weniger darum, dass Sie das Kind überfordern oder überfordern, sondern dass Sie schlicht gar nichts von ihm fordern. Vertrauen Sie stattdessen seinen Fähigkeiten und seinem Gespür für den richtigen Zeitpunkt, diese selbst zu entwickeln.

Geduld ist eine äusserst wichtige Fähigkeit des Menschen. Und mit der Geduld verhält es ähnlich wie mit dem Vertrauen: Je geduldiger Sie mit dem Kind sind, desto besser kann es seine Geduld bewahren, so wie es auch sein Selbstvertrauen entsprechend dem Vertrauen, das Sie ihm entgegenbringen, aufbauen kann.

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Geduld und Bedürfnisse der Eltern

Selbstverständlich ist es nicht immer einfach, dauernd zuerst an die Grundbedürfnisse des Kindes zu denken. Irgendwann werden Sie wohl überfordert damit sein. Sie werden denn auch in den ersten Jahren nicht darum herumkommen, Ihre eigenen Bedürfnisse zu überdenken und sich zu fragen, ob Sie diese nicht wenigstens für eine gewisse Zeit etwas zurückschrauben können. Doch auch dann werden Sie möglicherweise immer wieder an den Rand Ihrer Kräfte kommen. Wichtig ist in solchen Momenten, dass Sie erstens nicht das Kind dafür verantwortlich machen, sondern ihm offen und ehrlich sagen, dass Sie nicht mehr mögen und sich zweitens Unterstützung organisieren. Denn gerade die Familienformen in der westlichen Zivilisation, also das Leben vorzugsweise in der (Klein)Familie statt in der Sippe, bietet wenig selbstverständliche und naheliegende Unterstützung aus der unmittelbaren Nachbarschaft. So muss zum Beispiel die Fremdbetreuung ständig und häufig bis ins Detail organisiert werden. Wenn Sie dem Kind offen und ehrlich sagen, dass Sie zum Beispiel derart müde sind, dass Sie sich gleich hinlegen möchten, werden Sie staunen, wie kooperativ das Kind reagieren wird. Denn dem Kind ist erstens sehr wohl bewusst, dass es auf Gedeih und Erwerb von Ihrem Wohlergehen abhängig ist und weiss zweitens ebenso gut wie Sie, wie wichtig Schlaf ist!

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Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)

Wenn das Kind beginnt seinen Willen zu entwickeln, in der Regel etwa im dritten Lebensjahr, hat es zwar immer noch Grundbedürfnisse, doch hat es mittlerweile erfahren (oder zumindest erfahren sollen), dass seine Eltern immer zuverlässig da sind und ihm helfen, wenn es Hilfe braucht. Es kann deshalb auch schon ein wenig zuwarten, bis es zum Beispiel etwas zu trinken erhält. Nun kommt aber mit dem Willen eine ganz neue Dimension hinzu: Das Kind spürt, dass es fast alles erreichen kann, wenn es nur will. Das ist nicht etwa mit Ungeduld zu verwechseln, sondern es geht eben um diese enorm starke Kraft des Willens. Diesem Willen müssen Sie als Eltern Widerstand leisten, wenn das Kind zu weit geht, ihm also Grenzen setzen, ihm "Nein!" sagen. Möglicherweise werden Sie damit Trotzreaktionen auslösen, auf die Sie angemessen zur reagieren lernen müssen. Wenn dem Kind aber erst einmal konsequent Grenzen gesetzt wurden, wird es diese nicht mehr als eine "Gemeinheit des Lebens" betrachten, sondern als eine Herausforderung, die es zu meistern gilt. Oder anders gesagt: Der Mensch wächst am Widerstand. Die Geduld des Kindes muss also auch in dieser Phase aktiv von den Eltern erhalten werden, indem sie dem Willen des Kindes ihren eigenen Willen entgegenhalten und den allfälligen Konflikt auszuhalten lernen.

Das beste Mittel dazu sind Vereinbarungen, also das gemeinsame Aushandeln von Regeln. Wenn das Kind zum Beispiel mitbestimmen darf, an welchem Platz abends die Kleider zu verräumen sind, wird es seine Energie dafür einsetzen, dass es sich auch an die Vereinbarung halten kann (statt die Energie damit zu verschwenden, die Kleider in der ganzen Wohnung herumzuwerfen). Zählen Sie auf die natürliche Kooperationsbereitschaft des Kindes, sodass es mit seinem Willen konstruktiv umgehen kann. Das Kind muss spüren, dass es gefordert wird und seinen Willen dazu einsetzen kann. Sie dürfen es in diesem Alter auch durchaus zu körperlichen Leistungen herausfordern, sodass es auf diese Art Grenzen erfahren kann (vielleicht hat es Lust, die Kleider immer besonders schön zusammenzulegen oder möglichst hoch oben im Zimmer aufzuhängen). Bestätigen Sie das Kind in seiner Freude, etwas besonders gut zu machen, indem Sie es loben.

Wenn Sie hingegen umgekehrt einfach zu dulden versuchen, was dem Kind so an Unsinn einfällt, wird ihm die Herausforderung fehlen und es wird immer weiter nach Grenzen suchen. Dabei wird es auch seine Geduld verlieren, da diese ja gar nicht mehr gefordert ist. Seine Ausdauer hingegen ist nahezu grenzenlos, es wird also solange nach Grenzen suchen, bis ihm diese in die Quere kommen (nur allzu häufig in Form von übermässigen Risiken!). Wenn es dann von den Eltern noch mit Vorwürfen überhäuft oder gar bestraft wird, hat es gleich mehrfach verloren und der Teufelskreis ist perfekt.

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Weiterführende Themen

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Übergeordnetes Prinzip

Selbstvertrauen (erstes Grundprinzip der Erziehung)


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