Gespür des Kindes

Aus Das Zweimalzwei der Erziehung
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Bedeutung für die Erziehung

Gespür ist die Fähigkeit, etwas mehr gefühlsmässig als verstandesmässig zu verstehen oder doch zumindest zu erahnen. Diese Fähigkeit haben Kinder von Natur aus. Es ist deshalb die Aufgabe der Eltern dafür zu sorgen, dass ihren Kindern diese enorm wichtige Fähigkeit erhalten bleibt.

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Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)

Während sich der Verstand erst im Laufe der Jahre entwickelt, ist die Gefühlswelt des Kindes schon von Geburt an da. Die Gefühle helfen dem Kleinkind sich zu orientieren und seine Emotionen, seine Mimik und seine Gestik können den Eltern zeigen, we es ihm geht, ob ihm etwas gefällt oder nicht. In dieser Phase hat das Kind ausschliesslich Grundbedürfnisse, die Sie möglichst immer und unmittelbar befriedigen sollten. Und es spürt ganz genau, was es braucht. Wenn Sie ihm möglichst viel davon geben können, bestätigen Sie damit sein Vertrauen und belassen ihm gleichzeitig sein natürliches Gespür:

  • Schlaf: Das Kind schläft, wenn es müde ist und bereit ist loszulassen. Das sollten Sie auch dann respektieren, wenn Sie mit ihm zusammen einen Schlafrhythmus suchen. Dieser Rhythmus sollte weniger von der Uhr bestimmt sein als mehr vom Gespür des Kindes. Wenn Sie also zum Beispiel darauf abzielen, dass es abends etwa um sieben Uhr schlafen soll, sollten Sie es schon ab sechs Uhr auf Signale beobachten, mit denen es seine Müdigkeit und seine Bereitschaft zum schlafen mitteilt. Und umgekehrt sollten Sie sich auch einmal bis acht Uhr gedulden, bis es schlafen will. Rhythmus ist sehr wichtig für das Kind, aber er sollte nicht in erster Linie durch eine Uhr bestimmt werden, sondern durch das Gespür des Kindes, das sehr wohl weiss, wann der richtige Zeitpunkt für es da ist.
  • Essen: Das gleiche gilt für Hunger und Durst des Kindes. Natürlich sollen Sie einen Rhythmus für die Hauptmahlzeiten und die Zwischenzeiten anpeilen, doch sollten Sie auch akzeptieren, dass das Kind nicht immer Punkt zwölf Uhr Lust auf Essen hat. Vielleicht will es noch etwas zu Ende spielen. In aller Regel wird es sich aber dem gemeinsamen Essen sehr schnell anschliessen, da es auch für das Familiäre ein feines Gespür hat!
  • Nähe und Distanz: Überlassen Sie es dem Kind, ob es zum Beispiel gehalten werden will oder nicht. Kinder verfolgen damit nicht irgendwelche Absichten, sondern brauchen mal mehr und mal weniger Nähe. Wenn Sie Ihrem Kind von Anfang dieses Gespür für Nähe und Distanz belassen, können Sie auch darauf vertrauen, dass es später "Nein!" sagen kann, womit Sie bereits das Wichtigste für den Schutz vor Missbrauch aller Art getan haben!
  • Risiken: Kinder werden in der Regel unterschätzt für ihre Fähigkeit, Gefahren einzuschätzen, zumindest natürliche Gefahren (bei künstlichen Gefahren ist es allerdings häufig umgekehrt!). Sie haben ein sehr feines Gespür dafür, ob sie es riskieren können, zum Beispiel irgendwo hochzuklettern. Wichtig ist aber, dass Sie das Kind selbst entscheiden lassen und ihm nicht nachhelfen. Selbstverständlich sollen Sie in seiner Nähe bleiben und ihm helfen, wenn es danach verlangt, doch müssen Sie ihm die Verantwortung überlassen, ansonsten es sehr schnell das Gespür dafür verlieren wird, was es sich zutrauen kann und was nicht.

Gehen Sie also vom Grundsatz aus, dass das Kind alles selbst entscheiden kann, Sie müssen ihm bloss die Verantwortung dafür überlassen. Und vertrauen Sie ihm, dass es ein Gespür dafür hat, wann es Ihre Hilfe braucht und diese auch von sich aus verlangt.

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Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)

Wenn das Kind beginnt, seinen Willen zu entwickeln, in der Regel etwa im dritten Lebensjahr, bekommen viele Eltern den Eindruck, ihr Kind würde sich nun "gar nicht mehr spüren", da es plötzlich einfach alles haben und machen will, was ihm gerade einfällt, und das auch noch "ohne Rücksicht auf Verluste". Tatsächlich können Sie nicht erwarten, dass das Kind Ihre Grenzen einfach von sich aus spüren würde. Dazu ist der frisch erwachte Wille eine viel zu starke, und vor allem noch rohe, Kraft. Es liegt vielmehr an Ihnen als Eltern, dem Kind Grenzen zu zeigen, indem Sie ihm ein laut und deutlich ausgesprochenes "Nein!" entgegenhalten - und dann auch noch konsequent dabei bleiben. Der Wille ist wie ein Hammer, mit dem das Kind zuerst lernen muss umzugehen: Man kann mit ihm einerseits sehr kräftig zuschlagen (was ja manchmal auch durchaus nötig sein kann), man kann aber auch lernen, mit ihm sehr fein und sorgfältig, dafür präzise und stetig zu schlagen. Der Hammer braucht aber immer Widerstand, ansonsten seine Energie einfach verpuffen würde. Dieser Widerstand muss von den Eltern kommen und er muss zumindest am Anfang sehr hart sein, sodass ihn das Kind auch spüren kann. Das geht am Anfang selten ganz ohne Konflikte, Sie müssen also lernen, auch mit Tobsuchtsanfällen und ähnlichem umzugehen. Gleichzeitig sollten Sie aber auch die natürliche Kooperationsbereitschaft des Kindes nutzen:

  • Regeln: Kinder beobachten sehr genau, insbesondere gegenüber Regelmässigkeiten sind sie sehr wachsam, denn Wiederholungen und Rhythmus zeigen ihnen die Verlässlichkeit des Lebens. Gerade in der Phase der Willensbildung erhalten sie durch Regeln die nötige Sicherheit. Das ist vergleichbar mit einer Seilschaft, die auf eine riskante Tour geht: Die Bergsteiger müssen sich strikte an vereinbarte Regeln halten, sodass sie sich aufeinander verlassen können. Der Wille jedes Einzelnen den Gipfel zu erreichen, muss auf die anderen Kameraden Rücksicht nehmen, ansonsten die ganze Seilschaft gefährdet würde. Wenn Sie Regeln mit dem Kind gemeinsam vereinbaren, wird es ein Gespür für das Funktionieren von Beziehungen entwickeln können.
  • Rhythmus: Nach den elementaren Erfahrungen von Rhythmus (wie Herzschlag und Atem) und dem kontinuierlichen Gewöhnen an einen Schlaf- und Essrhythmus können Kinder auch schon sehr früh ein Gespür für musikalische Rhythmen entwickeln. Überlassen es aber in diesem Alter noch dem Kind, ob es sich dafür interessiert und wie es mit Musik umgeht.
  • Konsequenzen: Auch für die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung haben Kinder ein sehr feines Gespür, zumindest wenn der Zusammenhang natürlich beziehungsweise plausibel ist. Wenn Sie dem Kind zum Beispiel sagen, dass das Essen noch heiss ist und es vorsichtig sein soll, muss es das zumindest einmal selbst ausprobiert haben (selbstverständlich müssen Sie dafür sorgen, dass es sich nicht gerade die Zunge daran verbrennt). Es kann so den natürlichen Zusammenhang zwischen heiss und unangenehm erfahren, aber auch die Plausibilität Ihrer Warnung. Durch diese Erfahrung wird sein Gespür gestärkt. Hingegen kann sein Gespür beeinträchtigt werden, wenn die Konsequenzen unsinnig sind. Wenn Sie zum Beispiel dem Kind drohen, dass Sie böse würden, wenn es das Glas fallen lassen würde, ist das gleich in mehrfacher Hinsicht heikel: Erstens ist das Kind mit dem Verständnis von Vorgängen, die erst in der Zukunft liegen, noch überfordert. Zweitens werden Sie diese Drohung kaum ernsthaft meinen (und damit das Kind zumindest verunsichert haben), zumal Sie selbst noch gar nicht wissen können, was genau Sie dann fühlen werden (vielleicht werden Sie die Szene womöglich eher lustig finden). Drittens sollten Sie dem Kind sagen, was es machen soll (das Glas gut halten) und nicht, was es nicht machen soll (das Glas fallen lassen), denn Negierungen überfordern das Kind in diesem Alter noch.

In dieser Phase geht es also vor allem darum, dem Kind ein Gespür für Grenzen zu lehren. Dafür muss das Kind Ihren Widerstand klar spüren. Sie müssen deshalb in der Phase der Willensbildung besser einmal zu hart als immer wieder zu weich reagieren - und dafür konsequent bei Ihre Haltung bleiben.

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Sozialisation bis Pubertät (etwa 4 bis 16 Jahre)

Wenn Sie es nach diesen ersten, alles entscheidenden Phasen der Erziehung geschafft haben, dem Kind sein Gespür zu belassen, brauchen Sie sich auch nicht davor zu fürchten, was noch alles auf das Kind hinzukommt, auch wenn es mit der Sozialisation zunehmend Ihrer Obhut entzieht. Denn das Kind hat eine äusserst wichtige Fähigkeit für seine weitere Entwicklung, vor allem aber für seine eigene Sicherheit: es kann sich auf das verlasen, was es spürt (und das Gespürte zunehmend auch noch durch seinen eigenen Verstand prüfen)! Daran sollten Sie sich immer wieder erinnern, wenn Sie meinen, Sie müssten korrigierend eingreifen, zum Beispiel bei folgenden Themen:

  • Kameraden: Als Eltern dürfte Ihnen viel daran gelegen sein, dass Ihr Kind "einen guten Umgang pflegt". Das ist verständlich, denn die Einflüsse seiner Umwelt werden nun nach und nach bedeutender als die der Eltern. Vertrauen Sie zunächst einmal auf das eigene Gespür des Kindes, dass es die "richtigen" Freunde findet, und bedenken Sie zudem, dass Sie kontraproduktive Gegenreaktionen provozieren, wenn Sie dem Kind aus Ihrer Sicht schlechte Bekanntschaften untersagen wollten. Eingreifen sollten Sie also nur im Notfall: Vorher sollten Sie überprüfen, ob dem Kind nicht schon selbst bewusst ist, wo zum Beispiel die Schattenseiten seines "besten Freundes" liegen. Dieses Bewusstsein genügt nämlich in den meisten Fällen schon!
  • Schul- und Berufswahl: Selbstverständlich sollten die Schul- und auch die Berufswahl aufgrund von rationalen Überlegungen getroffen werden. Allerdings werden am Ende häufig mehr als eine gleichwertige Möglichkeiten zur Wahl stehen. Lassen Sie in solchen Fällen das Kind oder den Jugendlichen nach dem eigenen Gespür entscheiden. Denn die eigene, allenfalls "falsche" Wahl ist immer noch besser als eine fremdbestimmte! Wichtig ist aber, dass Sie dem Kind auch die Verantwortung überlassen, das heisst, dass es die Konsequenzen seines Entscheides tragen muss.
  • Freizeit: Das gleiche sollte für die Freizeitgestaltung gelten. Kinder müssen selbst herausfinden können, ob ihnen zum Beispiel Sport oder Musik besser liegt. Und sie müssen es auch einmal ausprobieren dürfen. Natürlich dürfen Sie auch auf den Durchhaltewillen des Kindes zählen (oder etwas "sanften Druck" ausüben, indem Sie sich zum Beispiel weigern, jeden Wunsch nach einer neuen Freizeitbeschäftigung zu finanzieren). Allerdings ist es so, dass Sie als Eltern in den ersten Jahren die Grundlage geschafft haben sollten, um den Willen und die Ausdauer des Kindes zu erhalten! Sie brauchen dem Kind also keine Vorwürfe zu machen, wenn es dauernd etwas anderes will, sondern Sie müssten sich in diesem Fall zum Beispiel fragen, wie konsequent Sie selbst waren in der Phase der Willensbildung.

Vertrauen Sie also Ihrer Erziehungsarbeit der ersten Jahre: Wenn Sie dem Kind sein Gespür belassen haben und es in seiner eigenen Persönlichkeit respektiert haben, wird es auch jetzt das meiste selbst entscheiden können, und dazu meistens erst noch besser!

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Weiterführende Themen

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Übergeordnetes Prinzip

Selbstvertrauen (erstes Grundprinzip der Erziehung)


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