Pubertät

Aus Das Zweimalzwei der Erziehung
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Bedeutung für die Erziehung

Die Phase der Pubertät sollte an sich nur noch wenig mit der eigentlichen Erziehung zu tun haben, da das Vertrauen und der Wille im Wesentlichen in den ersten etwa vier Jahren gebildet beziehungsweise kultiviert werden muss. Doch spüren die meisten Eltern in dieser Zeit zumindest eine Art Nachwehen, wenn sich die fundamentalen Themen wie Selbstvertrauen und Grenzen noch einmal akzentuieren. Die Möglichkeiten der Eltern zur Erziehung sind nun aber nur noch marginal, da die Jugendlichen nun ihr Leben definitiv und mit Vehemenz selbst in die Hand nehmen wollen. Die bisher mehr oder weniger selbstverständliche Hierarchie wird plötzlich und grundsätzlich in Frage gestellt.

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Sexuelle und soziale Entwicklung

In der westlichen Zivilisation ist zu beobachten, dass die sexuelle Reife je länger desto weniger mit der sozialen Reife übereinstimmt: Zwölfjährige Kinder sind ganz offensichtlich noch nicht reif, um eine Familie zu gründen, auch wenn das rein biologisch gesehen möglich wäre. Eltern können also, anders als im Tierreich üblich, ihre geschlechtsreifen Kinder denn auch nicht einfach aus der Familie stossen. Sie müssen sich vielmehr damit auseinandersetzen, dass ihre Kinder noch während Jahren die bestehende Hierarchie in Frage stellen und mehr oder weniger heftig Kämpfe austragen.

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Hierarchien

Während für die eigentlichen Erziehungsaufgaben die Eltern verantwortlich sind, und deshalb auch eine gewisse Hierarchie besteht, fordern Jugendliche mehr und mehr, selbst und frei von den Eltern entscheiden zu können. Das ist zunächst einmal ein gutes Zeichen für die Entwicklung! Allerdings müssen Eltern darauf achten, dass die Jugendlichen auch für die Konsequenzen ihrer Entscheidungen die Verantwortung übernehmen. Das kann zum Beispiel heissen, dass die Eltern fordern, dass der Jugendliche, der mit seinen Kollegen in die Ferien fahren will, diese auch selbst finanziert.

Ähnliches gilt auch für das häusliche Zusammenleben: Jugendliche wollen zum Beispiel plötzlich die Mahlzeiten mitbestimmen. Als Eltern könnten Sie damit einverstanden sein, aber zum Beispiel im Gegenzug vorschlagen, dass an bestimmten Tagen die Kinder kochen.

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Freiheit und Grenzen

Im Prinzip geht es also darum zu bestimmen, wieviel Freiheit den Jugendlichen zugestanden wird und wo die Grenzen sind. Das Recht auf Freiheit sollte, wenn es schon für Erwachsene gilt, erst recht auch für Kinder gelten. Wenn also der Jugendliche zum Beispiel selbst entscheiden will, wann und wie lange er in den Ausgang gehen will, sollten Sie das vom Grundsatz her zulassen und Limiten bloss als notwendige Einschränkungen betrachten - und nicht etwa umgekehrt! Das setzt einiges an Vertrauen in Ihre eigene Erziehungsarbeit voraus: Trauen Sie Ihrem Kind zu, dass es mit seiner Freiheit vernünftig umgehen kann, dass es zum Beispiel Risiken einigermassen abschätzen kann? Diese Aufgabe müssen Sie nämlich in den ersten Jahren gelöst haben. Denn nur dann können Sie vom Jugendlichen fordern, dass er bereit ist, Ihre allfälligen Ängste und Befürchtungen ernst zu nehmen und sich selbst Limiten zu setzen. Wenn hingegen kein genügendes Vertrauensverhältnis besteht und Sie Limiten einfach verordnen, wird er ziemlich schnell und einfach Mittel und Wege finden, Sie zu überlisten, sodass Sie den Kontakt noch mehr verlieren. Der Teufelskreis ist dann perfekt. Und wenn Sie in den ersten Jahren nicht gelernt haben, dem Kind angemessen Grenzen zu setzen und umgekehrt auch seine zu respektieren, wird es als Jugendlicher mit grosser Wahrscheinlichkeit Mühe haben, Risiken richtige einzuschätzen und sich dadurch unnötigen Gefahren aussetzen.

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Selbstfindung

Wenn Kinder die Geschlechtsreife erreichen, ist das nicht nur eine wesentliche körperliche Veränderung (um die es in diesem Wiki aber nicht gehen kann), sondern auch ein für die Persönlichkeit fundamentaler Vorgang. Denn jetzt geht es um nichts weniger als um das Selbst des jungen Menschen, das heisst um die grossen Fragen des Lebens wie „Wer bin ich?“, „Was will ich?“ und überhaupt „Warum bin ich eigentlich auf dieser Welt?“. Dass einem bei solchen Fragen, die sich ja auch im Erwachsenenalter immer wieder an die Oberfläche drängen, Angst und Bange werden kann, ist kaum erstaunlich. Gleichzeitig können die Antworten darauf eine unglaubliche Energie freisetzen. Nämlich dann, wenn ein Mensch plötzlich merkt, was er in dieser Welt alles bewirken könnte!

Selbstreflexion ist auch die Voraussetzung dafür, dass sich Kinder über die Erziehungsarbeit ihrer Eltern Gedanken machen können. Sie können sich also auch auf der Metaebene unterhalten, was früher schlicht eine Überforderung des Kindes gewesen wäre und eine Verletzung der natürlichen Hierarchie. Nun aber sollten Sie offen dafür sein, wenn Sie zum Beispiel von Ihrer Tochter gefragt werden, weshalb Sie sich am letzten Elternabend "so daneben benommen" hätten. Das mag Ihnen zunächst als Angriff auf Ihre Persönlichkeit erscheinen, doch geht es mehr darum, dass sich Kinder in diesem Alter auch von ihren Eltern abgrenzen müssen und wollen. Dazu probieren sie nur allzu häufig auch einmal eine Extremposition aus. Nehmen Sie das ernst, doch üben Sie sich auch in einer gewissen Gelassenheit, indem Sie sich nicht gleich verteidigen oder gar zum Gegenangriff oder übergehen, sondern zum Bespiel nachfragen, was denn so "daneben" gewesen sei.

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Stimmungsschwankungen

Die hormonelle Umstellung, zusammen mit den psychischen Herausforderungen in diesem Alter, können die Gefühlswelt der Jugendlichen arg durcheinander bringen und sie häufig sehr emotional reagieren lassen. Für Eltern kann das durchaus zur Gratwanderung zwischen angebrachter Toleranz und nötigen Grenzen werden. Üben Sie sich auch hier in ein wenig Gelassenheit und versuchen Sie sich zum Beispiel an Ihre eigene Jugend zu erinnern: Wie ging es Ihnen an damals und was hätten Sie damals von Ihren Eltern gebraucht? Gut möglich, dass Sie sich zum Beispiel einfach wünschten, in Ruhe gelassen zu werden!

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Streitgespräche und Herausforderungen

Während sich die einen Jugendlichen eher zurückziehen, suchen andere vermehrt die Auseinandersetzung. Nehmen Sie diese Herausforderung an, denn es geht um Aufmerksamkeit, also etwas vom Wichtigsten in der Erziehung. Die geäusserten Ideen mögen Ihnen vielleicht immer wieder mal abstrus vorkommen. Doch geht es in diesem Alter häufig bloss um die Opposition als solche denn um den Inhalt. Das ist vergleichbar mit der Willensbildung damals, als es dem Kind weniger darum ging, was es wollte, sondern dass es wollte! Als Eltern sind Sie also häufig eher eine Art Projektionsfläche oder Sparringspartner als der eigentliche Stein des Anstosses.

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Begleitung statt Erziehung

Wenn in den ersten Jahren die Grundlagen für die Selbständigkeit und Beziehungsfähigkeit gelegt werden konnten, können sich die Eltern von einer aktiven auf eine eher passive Rolle zurückziehen. Statt Erziehung im eigentlichen Sinn wird mehr und mehr eine Art Begleitung genügen. Eltern müssen nicht mehr ständig auf der Hut sein, sondern müssen nur noch gelegentlich eingreifen. Die Kinder sind genügend reif, um mehr und mehr die Verantwortung für sich selbst übernehmen zu können.

Das heisst nicht, dass Kinder ihre Eltern nicht mehr brauchen würden, sondern dass sie fähig sind, weitgehend selbst beurteilen zu können, was sie verantworten können und was nicht. Diesen Anspruch werden im übrigen auch Jugendliche stellen, die aufgrund mangelnder Erziehung eigentlich noch nicht reif genug sind. Spätestens jetzt werden die Eltern feststellen, dass es schwierig wird. Gerade wenn es darum geht, dass Jugendliche Grenzen noch nicht genügend respektieren können, ist es für die Eltern regelmässig zu spät. Denn Jugendlich lassen sich, gerade während der Pubertät, von den Eltern kaum mehr "nacherziehen". Als Ersatz müssen dann nicht zu selten Lehrer, Hauswarte oder gar die Polizei herhalten. Alle diese Autoritätspersonen haben aber an sich keine Erziehungsaufgaben.

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Sexuelle Aufklärung

Selbstverständlich sollten Kinder schon lange vor der Pubertät aufgeklärt werden, insbesondere dann, wenn sie von sich aus entsprechende Fragen stellen. Während der Pubertät wollen aber Jugendliche kaum mehr von den Eltern direkt aufgeklärt werden, sondern ziehen es vor, sich die Antworten auf die brennenden Fragen selbst zu besorgen, sei es von Kameraden, sei es in Büchern.

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Weiterführende Themen

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Übergeordnete Prinzipien


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