Resignieren

Aus Das Zweimalzwei der Erziehung
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Bedeutung für die Erziehung

Kinder sind von Natur aus äusserst ausdauernd und geduldig. Allerdings können sie diese Eigenschaften auch sehr schnell verlernen, wenn sie von ihren Eltern

Resignation hat ihre Ursache regelmässig in den ersten entscheidenden Phasen der Erziehung. Wenn das Kind hingegen in dieser Zeit genügend Selbstvertrauen aufbauen konnte und seinen Willen genügend "kultivieren" könnte, wird es auch seine natürliche Motivation behalten.

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Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)

In der Phase der Vertrauensbildung besteht die Gefahr, dass das Kind resigniert vor allem dann, wenn es von den Eltern zu wenig Vertrauen in seine Grudnbedürfnisse und sein Fähigkeiten erhält:

Unbefriedigte Grundbedürfnisse

Wenn Sie ein Kleinkind einfach schreien lassen, bis es aufhört, hat es resigniert. Es hat sich dabei nicht etwa selbst beruhigt, sondern es hat den Glauben und die Hoffnung aufgegeben, dass ihm seine Eltern immer helfen, wenn es etwas braucht. Kinder in der Phase der Vertrauensbildung müssen in ihrem Vertrauen in die Eltern bestätigt werden, dass sie immer zu essen bekommen, wenn sie Hunger haben, immer getröstet werden, wenn ihnen etwas weh tut und eben überhaupt alle ihre Grundbedürfnisse möglichst sofort und ohne Bedingungen befriedigt werden. Nur so wird ihr grenzenloses Vertrauen in das Leben bestätigt und nur so können sie das absolut fundamentale Selbstvertrauen aufbauen.

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Mangelnder Trost

Eines der wichtigsten Grundbedürfnisse des Kindes ist wirklicher Trost. Das Kind kann mit sehr viel Schmerz, Leid und Trauer umgehen, wenn es bloss von seinen Eltern bedingungslos und ausreichend getröstetet wird! Wenn das Kind hingegen nicht wirklich getröstet wird, ist die Gefahr gross, dass es die Hoffnung irgendwann aufgibt und im schlimmsten Fall sogar sein Lebenswille beeinträchtigt wird.

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Missachtung der Fähigkeiten

Das Kind hat sämtliche Fähigkeiten, die es jemals für sein Leben braucht, bereits in sich. Diese müssen sich bloss noch entwickeln können. Das Kind weiss denn auch um seine Fähigkeiten und will deshalb möglichst alles selbst machen oder doch zumindest ausprobieren. Als Eltern müssen Sie bloss daran glauben und dem Kind vertrauen, dass es immer genau das lernt, was es gerade braucht. Es folgt dabei weder Entwicklungstabellen noch Lehrplänen, denn jedes Kind ist und lernt ganz individuell.

Wenn dem Kind hingegen nicht zugetraut wird, dass es zunächst einmal alles selbst lernen kann, verliert es seine Motivation, es resigniert also. Denn Kinder in der Phase der Vertrauensbildung vertrauen ihren Eltern, das heisst im schlimmsten Fall glauben sie irgendwann daran, dass sie nichts selbst können, sondern immer auf die Hilfe der Eltern angewiesen sind. Im besseren Fall beginnen sie immerhin zu protestieren und probieren ihre Fähigkeiten zum Beispiel in Abwesenheit der Eltern aus (was dann aber unter Umständen gefährlich werden kann).

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Ungefragte Hilfe und Nachhelfen

Wenn Sie den Fähigkeiten des Kindes vertrauen, können Sie sich auch zurückhalten, wenn Sie meinen dem Kind helfen zu müssen. Seien Sie sich immer bewusst, dass Sie nur jemandem helfen, dem sie nicht zutrauen, dass er sich selbst helfen kann beziehungsweise um Hilfe bitten kann! Als Eltern müssen Sie lernen zu warten, bis das Kind zum Beispiel selbst versucht hat, den Deckel der Schachtel zu öffnen. Kinder haben grosse Ausdauer und verlangen die Hilfe Ihrer Eltern erst, wenn sie feststellen, dass sie tatsächlich nicht von alleine weiterkommen. Wenn Sie dem Kind zu früh helfen, das heisst bevor es danach gefragt hat, entmutigen Sie es und irgendwann wird es sich daran gewöhnt haben, sodass es gar nicht mehr selbst ausprobiert (im besseren Fall wird es aber zuvor noch gegen Ihre ungefragte Hilfe protestieren). Auch beim Nachhelfen sollten Sie sich gedulden und sich möglichst lange zurückhalten. Nehmen Sie dabei in Kauf, dass der Deckel der Schachtel vielleicht auch mal zerreisst, weil das Kind noch zu wenig feinmotorisches Geschick entwickelt that. Das Kind muss eigene Erfahrungen machen können, um daraus zu lernen.

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Übermässige Störungen

Nicht bloss ungefragte Hilfe sondern auch wiederholte Störungen des Kindes durch die Eltern sind heikel. Wenn dem Kind zum Beispiel immer wieder neue Vorschläge gemacht werden, was es auch noch anschauen oder ausprobieren könnte, obwohl es schon mit etwas beschäftigt ist, wird seine Aufmerksamkeit zerstreut, sodass es sich im schlimmsten Fall irgendwann für gar nichts mehr interessiert, da es sich bereits gewohnt ist, dass schon die nächste Ablenkung wartet. Besonders gefährlich sind dabei Geräte der Unterhaltungselektronik, da diese gerade für Kleinkinder eine eigentliche Reizüberflutung darstellen. Vor allem wenn Kinder am spielen sind, sollten Sie sie möglichst in Ruhe lassen, Sie könnten dafür die zum Beispiel Gelegenheit nutzen, eigene Dinge zu erledigen.

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Falsches Verwöhnen

In der Phase der Vertrauensbildung sollten Sie zwar die Grundbedürfnisse des Kindes möglichst immer und sofort befriedigen. Das ist die positive Art des Verwöhnens, allerdings eben nur so lange, als es um die wirklichen Grundbedürfnisse geht. Wenn Sie hingegen aus lauter, vermeintlicher, Güte auch noch künstliche Bedürfnisse schaffen, können Sie das Kind dazu bringen, Wünsche zu entwickeln, die es in diesem Alter eigentlich noch gar nicht hat. Das ist in erster Linie ein Problem der Überflussgesellschaft. Kinder, die zum Beispiel nicht nur ein Kuscheltier haben, sondern bei jedem Besuch von Verwandten nochmals eines erhalten, sind damit schlicht überfordert. Sie können sich dann irgendwann auch gar nicht mehr an einem Geschenk erfreuen oder verlieren später gar wirkliche Wünsche.

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Vertrauensmissbrauch

Kleinkinder sind offensichtlich besonders anfällig auf Vertrauensmissbrauch, sind sie doch auf Gedeih und Verderb ihren Eltern ausgeliefert und vertrauen ihnen denn auch grenzenlos. Die Formen des Missbrauchs dieses Vertrauens reichen von Verlassen über Gewaltmissbrauch bis bis zu sexuellem Missbrauch. Die Folgen sind meistens fatal, da Kindern in diesem Alter damit die eigentliche Grundlage des Lebens entzogen wird. Im schlimmsten Fall wird der Lebenswille derart beeinträchtigt, dass Kinder später akut suizidgefährdert werden.

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Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)

All die Gründe, die während der Phase der Vertrauensbildung zu Resignation führen können, gelten natürlich auch noch später. In der Phase der Willensbildung kommen aber weitere problematische Verhaltensmuster der Eltern hinzu, die zu resignativem Verhalten führen können, wobei es im Prinzip immer um fehlende, zu wenig oder zu inkonsequente Grenzen geht:

Mangelnde Grenzen

Wenn das Kind beginnt seinen Willen zu entwickeln, in der Regel etwa ab dem dritten Lebensjahr, muss es zuerst lernen, mit dieser enormen Kraft vernünftig umzugehen. Spüren kann das Kind seinen Willen aber nur, wenn es damit auch auf Widerstand stösst. Wenn das Kind zum Beispiel immer nur den Berg hinunter rennt, braucht es keinen Willen, erst wenn es aufwärts geht, spürt es, dass es sich anstrengen muss. Diese Anstrengung ist Voraussetzung dafür, dass es seinen Willen gewissermassen trainieren kann. Wenn es diese Anstrengung hingegen nicht braucht, wird es irgendwann auch seinen Willen nicht mehr brauchen. Ein nicht gebrauchter Wille aber verkümmert. Die Kraft ist zwar immer noch da, doch kann sie nicht mehr zielgerichtet eingesetzt werden, sondern nur noch impulsiv, zerstreut und überhaupt unberechenbar. Willensschwache Kinder werden regelmässig je nach Temperament entweder zu Duckmäusern oder zu Störenfrieden, das heisst, entweder resignieren sie oder beginnen zu provozieren.

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Grenzüberschreitungen durch die Eltern

Eltern müssen aber nicht nur lernen, dem Kind angemessen Grenzen zu setzen, sondern auch die Grenzen des Kindes zu respektieren. Grenzüberschreitungen, insbesondere im Form von Gewaltmissbrauch sind vor allem in den ersten Phasen der Erziehung verheerend, da sich das Kind schon allein aufgrund seiner noch beschränkten körperlichen Kräfte kaum wehren kann und zudem ein extremes Abhängigkeitverhältnis besteht.

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Mangelnde Herausforderungen

Kinder in der Phase der Willensbildung brauchen (und lieben) Herausforderungen: Sie wollen möglichst hoch klettern, möglichst schnell rennen oder möglichst weit zählen. Lassen Sie das Kind ruhig bis an seine Leistungsgrenze gehen, es muss erfahren dürfen, wo diesen liegen und sie womöglich immer weiter hinausschieben. Ermuntern Sie das Kind auch, immer so weit als möglich selbst zu laufen, statt getragen oder im Wagen geschoben zu werden. Sie dürfen seine Leistungen auch immer wieder mal loben. Fordern Sie es auch auf, sich selbst zu helfen, wenn es zum Beispiel etwas irgendwo herunterholen will (oder umgekehrt vom Boden aufheben soll). Hilfe anbieten sollten Sie in diesem Alter nur noch ausnahmsweise, zumal das Kind ja in aller Regel schon sprechen kann und selbst Hilfe fordern kann. Bedenken Sie schliesslich auch, dass Sie zumindest die (natürlichen) Gefahren tendenziell eher überschätzen. Zumindest Risiken, die das Kind aus eigenem Antrieb eingeht, kann es in aller Regel auch selbst genügend einschätzen (ausser bei künstlichen Gefahren, insbesondere im Strassenverkehr).

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Verwöhnen

Ganz heikel ist es, Kinder in der Phase der Willensbildung zu verwöhnen. Während die Grundbedürfnisse des Kindes immer gleich sofort und bedingungslos befriedigt werden sollten, beginnt das Kind nun auch Wünsche zu äussern, die ihre Ursache nicht bloss im allgemeinen Wohlergehen haben, sondern im Willen. Dieser Wille ist zunächst einmal geradezu endlos, Kinder haben in diesem Alter denn auch gerne eigentliche Allmachtsphantasien. Diesen dürfen Sie nicht einfach nachgeben, ansonsten das Kind auf eine ungute Art verwöhnt würde. Das Kind muss in dieser Zeit vielmehr zu spüren bekommen, dass es etwas tun muss, um etwas zu erhalten. Wenn sich das Kind zum Beispiel ein Schwert wünscht, können Sie ihm vorschlagen, ein solches zusammen im Wald aus Holz zu schnitzen (statt einfach ein blinkendes Plastikspielzeug zu kaufen). Damit gewinnen das Kind und Sie dazu gleich mehrfach. Schon bloss das gemeinsame Unternehmen im Wald ist für jedes Kind ein Erlebnis an sich. Kommt hinzu, dass das Kind die Energie, die es in diesem Alter ja im Überschuss hat, produktiv einsetzen kann. Und beim Sägen und Schnitzen können Sie ihm zudem lehren, die Kräfte dosiert und geschickt einzusetzen. Schliesslich haben Sie womöglich auch noch Ihre Freude am fertigen Werk und der gemeinsame Erfolg stärkt Ihre Beziehung. Demgegenüber dürfte das gekaufte Schwert dem Kind schon bald verleidet sein (falls es nicht schon zuvor kaputt ging), sodass es nach dem nächsten, noch grösseren, verlangt. Eine Herausforderung ist das natürlich nicht, sondern es fördert bloss die Bequemlichkeit (im übrigen nicht nur die des Kindes, sondern auch noch die der Eltern).

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Weitere Ursachen für Resignation

Überfluss

Die Schattenseite des wirtschaftlichen Erfolgs der westlichen Zivilisation ist in der Regel ein allgemeiner Überfluss. Was für Erwachsene in erster Linie aus ökologischer Sicht problematisch ist, ist für Kinder zudem eine Überforderung. Das hat zum Beispiel dazu geführt, dass sich Kindergärten dazu gezwungen sehen, spielzeugfreie, Tage einzuführen, da sonst die Phantasie der Kinder verkümmern würde. Mit Spielzeug überfüllte Kinderzimmer zermürben den Antrieb des Kindes, selbst etwas zu erfinden und sich eine Welt zu erschaffen.

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Reizüberflutung

Das gleiche Problem entsteht durch Reizüberflutung. Die Farben, Düfte und Töne der Natur genügen Kindern vollkommen. Werden sie auch noch mit künstlichen Reizen eingedeckt, können ihre Sinne sehr schnell abstumpfen, sodass sie das Interesse verlieren, was wiederum resignatives Verhalten fördert.

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Folgen von Resignation

Wenn ein Mensch bereits als Kind resigniert, kann das natürlich weitereichende und gravierende Folgen haben. Im besten Fall wird sich der Mensch als Erwachsener der Problematik bewusst und kann einiges aus der Kindheit zum Beispiel im Rahmen einer Therapie lösen. Allerdings sind Verhaltensmuster aus der frühen Kindheit in aller Regel nur noch sehr schwer oder eben gar nicht mehr zu ändern und eine Grundbefindlichkeit in Form von Hoffnungslosigkeit und ähnlichem bleibt immer zurück. Im schlimmsten Fall zerbricht der Mensch aber schon als Kind. Vor allem die Pubertät lässt Kinder sich selbst hinterfragen und an sich selbst zweifeln. Hat der Jugendliche in solchen Momenten zu wenig Selbstvertrauen und ist auch noch willensschwach, ist das Risiko gross, dass er damit nicht mehr zurecht kommt, zumal er die Hilfe von den Eltern in diesem Alter auch nicht mehr annehmen wird. Mögliche Folgen von Resignation sind:

Wenn Sie also dem Kind seine Motivation, seine Freude und seine Kreativität belassen wollen, müssen Sie sich frühzeitig um sein Selbstvertrauen und seinen Willen kümmern, denn nach rund vier Jahren ist die Persönlichkeit des Kindes so weit entwickelt, dass sie sich kaum mehr wesentlich ändert und Ihre Einflussmöglichkeiten schwinden zudem rapide.

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Weiterführende Themen

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Übergeordnete Prinzipien


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