Strafen

Aus Das Zweimalzwei der Erziehung
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Bedeutung für die Erziehung

Strafen sind in der Erziehung nicht bloss unnötig, sondern meistens ausgesprochen kontraproduktiv. Das beginnt schon damit, dass Kinder in den ersten, entscheidenden Phasen der Erziehung den Zusammenhang zwischen ihrem Verhalten und der Strafe gar nicht verstehen können und somit überfordert sind. Strafen werden zudem häufig mit Verantwortung oder Grenzen verwechselt. Und wenn Strafen bloss angedroht, aber nicht vollzogen werden, verliert das Kind auch noch das Vertrauen in seine Eltern. Meistens haben die Strafen auch kaum einen vernünftigen Zusammenhang zum Fehlverhalten, sodass das Kind bloss verwirrt wird und sich unverstanden fühlt. Schliesslich schaffen Strafen Distanz statt Kontakt, was vom Kind als Liebesentzug empfundenen wird.

Würden Eltern hingegen erkennen, dass hinter der ganzen Problematik bloss das Thema Grenzen steht, hätten sie viel einfachere und sinnvollere Mittel zur Hand!

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Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)

Während der Phase der Vertrauensbildung kommen die wenigsten Eltern überhaupt auf die Idee, ihre Kinder für irgend etwas zu bestrafen. Das hat schon damit zu tun, dass Kinder in dieser Zeit ihren Eltern noch vollkommen vertrauen und deshalb grundsätzlich schnell bereit sind, das zu tun oder lassen, was Ihnen gesagt wird. Das gilt jedenfalls solange, als ihre Grundbedürfnisse immer und bedingungslos befriedigt werden. Allerdings gibt es auch subtilere Versuche zur Verhaltensbeeinflussung, vom an sich harmlosen sanften Druck über Manipulationen bis zum Liebesentzug, deren Folgen aber ähnlich kontraproduktiv sein können. In dieser Phase geht geht es also mehr darum, die Grundlage dafür zu legen, dass Sie später gar nicht erst auf die Idee zu kommen, das Kind für sein Verhalten strafen zu müssen.

Selbst erfahren lassen

Kinder wollen möglichst alles selbst tun oder zumindest selbst probieren, gewissermassen ohne Rücksicht auf Verlust. Demgegenüber wissen Sie aufgrund Ihrer eigenen Erfahrung natürlich meistens schon zum voraus, wann und wo welche Missgeschicke drohen. Halten Sie sich trotzdem zurück, wenn Sie in Versuchung kommen, das Kind vor Missgeschicken zu behüten. Beschränken Sie sich vielmehr darauf, dem Kind zu sagen, was es tun soll, damit ihm etwas gelingt und verzichten Sie auf Warnungen oder gar Prophezeiungen (ausser natürlich es drohen wirkliche Gefahren, was aber eher selten ist!). Wenn Sie dem Kind zum Beispiel sagen, es solle auf seinen Kopf acht geben, wenn es unter dem Tisch hindurch kriecht, und es das einfach ignoriert und sich deshalb weht tut, kann es aus dieser Erfahrung lernen. Und zwar nicht nur, dass es den Kopf einziehen muss, sondern dass es durchaus Sinn macht, auf den Rat der Eltern zu hören und ohne dass ihm dazu noch eine Strafe angedroht werden muss. Verzichten Sie im Falle eines Missgeschicks auf jeglichen Tadel oder Vorwürfe, sondern trösten Sie es "trotzdem". Denn bedingungsloser Trost ist eines der wichtigsten Grundbedürfnisse des Kindes. Wenn Sie dem Kind hingegen verbieten, unter dem Tisch hindurch zu kriechen, nehmen Sie ihm diese Lernerfahrung, sodass es gleich doppelt bestraft wird.

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Abmachungen

Schon Kleinkinder brauchen Regeln, zu Beginn noch in Form von Wiederholungen, Rhythmus oder Ritualen. Sobald das Kind wenigstens mit "Ja" oder "Nein" antworten kann, können Sie mit ihm auch Abmachungen treffen, die Sie ihm mit Überzeugung und in einer für es verständlichen Art und Weise mitteilen. So können Sie dem Kind immer wieder die Regeln beim Überqueren der Strasse vorsagen. Das Kind wird mit der Zeit die Regelmässigkeit erkennen und bald vielleicht sogar selbst sagen, dass bei einer auf Rot geschalteten Verkehrsampel gewartet werden muss. Falls das Kind nach dem Grund fragt, können Sie ihm diesen erklären, meistens genügt es dem Kind in dieser Phase aber, dass die Aufforderung von Ihnen kommt, denn es vertraut Ihnen ja noch völlig. Irgendwelche Drohungen oder Warnungen sind also nicht nötig beziehungsweise für das Kind sowieso noch weitgehend unverständlich, da es Zusammenhänge zwischen der Gegenwart und der Zukunft noch gar nicht erfassen kann. Wenn Sie selbst gelernt haben mit Regeln umzugehen, das heisst, sich einerseits selbst daran halten und andererseits mit dem Kind immer wieder Abmachungen treffen und deren Einhaltung auch genügend überprüfen, haben Sie bereits die Grundlage dafür gelegt, dass Sie in der nächsten Phase gar nicht erst auf die Idee kommen mit Strafen erziehen zu müssen.

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Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)

Regeln und Wille des Kindes

Wenn das Kind beginnt seinen Willen zu entwickeln, in der Regel etwa im dritten Lebensjahr, wird es nicht mehr einfach alles, was von seinen Eltern kommt, akzeptieren. Es wird dann vielmehr auch ausprobieren wollen, was es alles sonst noch erreichen kann, wenn es eben bloss will. Das ist zunächst einmal ein gutes Zeichen seiner gesunden Entwicklung und Kreativität. Allerdings wird sein Wille am Anfang noch ziemlich rücksichtslos und absolut sein. Kompromisse oder gar Anstand sind Kindern in diesem Alter noch völlig fremd. Als Eltern müssen Sie ihm deshalb auch Grenzen setzen, ansonsten es sehr schnell überborden wird. Das geht am einfachsten und schnellsten mit einem laut und deutlich ausgebrochenen "Nein!". Jenachdem wie überzeugend Sie dabei sind, beziehungsweise wie sehr das Kind an seiner Idee festhält, wird es Ihr "Nein!" akzeptieren (in den meisten Fällen) oder zu toben beginnen (zumindest anfangs noch gelegentlich). Auf Tobsuchtsanfälle müssen Sie lernen angemessen zu reagieren. Danach, wenn Sie sich mit dem Kind wieder versöhnt haben, können Sie mit ihm Regeln vereinbaren, um mit weiteren Konfrontationen besser umgehen zu können, beziehungsweise weitere gar nicht mehr entstehen zu lassen. Dabei soll das Kind erfahren dürfen, dass es zwar seinen Willen haben darf (und als äusserst wertvolle Kraft behalten soll!), dieser aber auf Grenzen stossen kann, weshalb geregelt werden muss, was dann geschieht. Wenn das Kind zum Beispiel unbedingt sein Trottinett mit auf den Spaziergang mitnehmen will, können Sie mit ihm eine Vereinbarung suchen, wonach es das darf, wenn es das Trottinett auch dann selbst nach Hause zurück schiebt, wenn es nicht mehr fahren mag. Sie müssen aber zwingend darauf achten, dass das Kind mit der Vereinbarung auch einverstanden ist (oder noch besser: dass der Vorschlag von ihm kommt). Dann nämlich können Sie auf das Verantwortungsbewusstsein des Kindes zählen und sie werden staunen, dass es sich grösste Mühe geben wird, die Vereinbarung auch einzuhalten.

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Strafen und Verantwortung

Auf Strafen verzichten bedeutet also nicht, dass das Kind nicht die Konsequenzen für sein Verhalten verantworten soll. Allerdings besteht da ein wesentlicher Unterschied. Wenn Sie zum Beispiel die Regel haben, dass das Kind pro Tag eine Süssigkeit haben darf und es sich eines Tages selbständig ein zweites Mal bedient, bedeutet das als Konsequenz ganz einfach, dass es am nächsten Tag verzichten muss. So kann das Kind erkennen, dass ein Zusammenhang zwischen Ursache und Folge besteht (wohingegen zum Beispiel überhaupt kein Zusammenhang bestehen würde, wenn das Kind deswegen früher ins Bett müsste).

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Angedrohte Strafen

Noch heikler wird es mit Strafen schliesslich dann, wenn Sie diese androhen, im gegebenen Fall aber dann doch nicht aussprechen, sei es, weil Sie es gar nicht ernst meinten, sei es, weil Sie plötzlich Erbarmen mit dem Kind bekommen: Im Grunde genommen enttäuschen Sie die Erwartungen des Kindes und verlieren dadurch sein Vertrauen. Denn das Kind verlässt sich grundsätzlich auf Sie, das heisst, es geht von Ihrer Verlässlichkeit aus, ganz unabhängig davon, ob sich diese für das Kind positiv oder negativ auswirkt! Wankelmütigkeit verunsichert das Kind. Wenn Sie also schon mit Strafen arbeiten, müssen Sie das Ganze auch unbedingt durchziehen und auf Ihrer Haltung beharren. Dann haben Sie zwar immer noch nicht wirklich Grenzen gesetzt, aber doch wenigstens das Vertrauen nicht zu sehr beeinträchtigt.

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Sozialisation bis Pubertät (etwa 4 bis 16 Jahre)

Verständnis für das Konzept der Strafe

Wenn das Kind nach den ersten, entscheidenden Phasen der Erziehung genügend reif ist, wird es an sich auch mehr und mehr das Konzept der Strafe, also Schuld und Wiedergutmachung durch Sühne, verstehen können. Allerdings haben Sie jetzt eigentlich noch weniger Anlass zu strafen, wenn sie schon bis jetzt ohne ausgekommen sind! Denn das Kind hatte ja idealerweise gelernt, dass es die Konsequenzen für sein Tun und Lassen selbst tragen muss. Es wird sich deshalb schon von sich aus zumindest an die elementaren und eingiermassen vernünftigen Regeln halten. Nun kommt allerdings dazu, dass sich das Kind nicht mehr bloss innerhalb des Familienrahmens bewegt, sondern mit der Sozialisation auch in Gruppen ausserhalb, die sich nicht mehr zwingend an erzieherischen Massstäben orientieren. Das Zusammenleben wird dort häufig durch Regeln bestimmt, an denen das Kind nicht beteiligt war, und die auch nicht immer zwingend kindgerecht sind. Kommt hinzu, dass Jugendliche, gerade in der Pubertät, Grenzen geradezu herausfordern und eigentliche Grenzüberschreitungen suchen. Strafen sind denn auch häufig das einzige Mittel um eine gewisse allgemeine Ordnung sicherzustellen. Sinnvollerweise sollte die Stossrichtung aber weniger in der Sühne, denn mehr in der Wiedergutmachung liegen, was Sie als Eltern allerdings selten beeinflussen können. Genügend reife Kinder kommen aber auch damit ohne weiteres klar. Kinder hingegen, die schon zu Hause dauernd gestraft wurden, haben eine viel tiefere Frustrationstoleranz und sehen sich umso mehr darin bestätigt, dass die Welt ungerecht zu ihnen ist. Die Folgen sind, je nach Temperament, Resignation oder umgekehrt Rebellion.

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Beispiel Schulordnung

Es gehört also zur normalen Entwicklung von Jugendlichen, absichtlich oder auch fahrlässig Grenzen auszuloten oder gar zu provozieren. Es spricht denn auch nichts dagegen, wenn zum Beispiel Schulen oder Sportvereine mit Strafen arbeiten. Allerdings sollten diese doch ein Mindestmass an Zusammenhang zwischen dem Fehlverhalten und der Sanktion beinhalten. So wäre zum Beispiel eine Regel sinnvoll, Schüler, die Abfall liegen lassen, zur Strafe den Schulhof wischen zu lassen. Hingegen wäre das zehnfache Abschreiben der Schulordnung wenig hilfreich (da es ja kaum darum geht, dass Schüler nicht wüssten, wo der Abfall zu entsorgen ist und das nun auswendig lernen müssten).

Strafen können natürlich auch eine gewisse abschreckende Wirkung haben. Wenn zum Beispiel für jede Verspätung im Training etwas in die Vereinskasse geschuldet wird, werden sich die meisten viel motivierter fühlen pünktlich zu erscheinen. Doch sollte auch in diesem Fall sowohl der Zusammenhang zwischen Fehlverhalten und Strafe als auch die Gerechtigkeit der Strafe hinterfragt werden. Beispielsweise kann die Wirkung leicht ausgehebelt werden, wenn die Strafe bei den einen einfach von deren Eltern übernommen wird, während die anderen das Taschengeld hergeben müssen. Sinnvoller könnte deshalb sein, dass Zuspätgekommene jeweils die Spielhalle allein aufräumen müssten (sozusagen als Kompensation dafür, dass sie bei der Vorbereitung des Trainings nicht dabei waren).

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Beispiel Verkehrsregeln

Die Einhaltung von Verkehrsregeln ist vor allem eine Frage der Sicherheit im Strassenverkehr. Bussen haben erfahrungsgemäss nur dann eine abschreckende Wirkung, wenn die Wahrscheinlichkeit des Erwischtwerdens genügend gross ist. Es hängt also vor allem von der Intensität der Polizeiarbeit beziehungsweise der (auch politisch definierten) Schwerpunkte der Kontrollen ab, ob die angedrohten Bussen überhaupt eine Wirkung haben können. Sie können sich als Eltern deshalb gerade nicht auf die Strafbarkeit verlassen, wenn es zum Beispiel darum geht, dass Ihr Kind den Fussgängerstreifen benützen soll (da ja nicht an jeder Ecke ein "abschreckender" Polizist steht). Sie tun deshalb gut daran, dem Kind schon in den ersten Jahren die elementaren Verkehrsregeln beizubringen oder doch zumindest konsequent vorzuleben.

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Folgen von Strafen

Strafen sind also nicht bloss unnötig, sondern zumindest in den ersten, entscheidenden Phasen der Erziehung geradezu kontraproduktiv. Die Folgen sind je nach Art der Strafe und Temperament des Kindes unterschiedlich.

Liebesentzug statt Kontakt

Wenn Sie das Kind zum Beispiel wegschicken oder gar wegsperren, verweigern Sie ihm den Kontakt und somit die Beziehung. Für das Kind ist das immer ein Liebesentzug. Der Liebesentzug mag zwar bloss vorübergehend sein, doch müssen Sie sich erstens bewusst sein, dass gerade kleinere Kinder noch keine Vorstellung von Zukunft haben, sodass sie eine Trennung viel absoluter empfinden als Sie. Zweitens haben Sie dem Kind zwar eine Grenze gesetzt, aber eine die trennt, statt verbindet. Wenn das Kind etwas tut oder lässt, das es nicht soll, müssen Sie mit ihm in Kontakt treten und "Nein!" sagen, und zwar laut und deutlich. Sie dürfen ruhig in eine Konfrontation gehen, denn das Kind muss Ihren Willen förmlich spüren. Und wenn es zu toben beginnt, müssen Sie lernen, angemessen auf Tobsuchtsanfälle zu reagieren und sich danach wieder mit ihm versöhnen

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Schuld- und Rachegelüste statt Kooperationsbereitschaft

Ein Kind, das von seinen eigenen Eltern bestraft wird, wird sich verstossen und einsam fühlen. Je nach Temperament kann es zum Beispiel Schuldgefühle oder Lust auf Rache entwickeln. Denn in den ersten, entscheidenden Phasen der Erziehung ist es noch gar nicht fähig, sich Gedanken über sein "Unrecht" zu machen. Mit der Forderung nach Selbstreflexion ist es schlicht überfordert. Die Gefahr ist deshalb gross, dass es sich, wenn es immer wieder bestraft wird, zu überlegen beginnt, wie es sich an den Eltern rächen oder dem Übel entfliehen kann. Die Fähigkeit dazu ist natürlich bloss eine Frage der Zeit: früher oder später wird es genügend kräftig und schlau sein. Damit schwindet aber auch die an sich von Natur aus gegebene Kooperationsbereitschaft des Kindes, oder das Kind wird Bedingungen aufstellen, denn das Motto "Wie Du mir, so ich Dir" hat es sehr schnell verinnerlicht, zumal es ihm ja von den eigenen Eltern vorgelebt wurde!

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Gehorsam statt Freiwilligkeit

Falls das Erziehungsziel der Eltern Gehorsam ist, können Strafen natürlich ein sehr effektives Mittel sein. Vor allem wenn umgekehrt auch noch Belohnungen zum Einsatz kommen. Eine solche autoritäre Erziehung könnten man auch mit "Zuckerbrot und Peitsche" betiteln, erinnert aber doch eher an militärische Disziplinierung oder gar an das Dressieren von Tieren als an Kindererziehung.

Das "Zweimalzwei der Erziehung" bezeichnet als Ziel der Erziehung Selbständigkeit und Beziehungsfähigkeit - also eher das Gegenteil von Gehorsam. Kinder sollen demnach nicht lernen, den Anweisungen der Eltern zu gehorchen, sondern lernen Grenzen ihrer Umwelt zu respektieren und dabei trotzdem ihre eigene Persönlichkeit ausleben können. Wenn Eltern diese Ziele von Anfang an im Auge behalten, kommen sie erstens ohne Strafen aus und werden zweitens feststellen, dass Kinder nicht nur bestens mit Regeln umgehen können, sondern diese geradezu benötigen. Voraussetzung ist einzig, dass Sie als Eltern lernen, die Regeln auch konsequent anzuwenden. So kann das Kind seinen Willen gewissermassen kultivieren, sodass daraus eben ein freier Wille werden kann.

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Resignation und Rebellion

Wenn Strafen Teil einer allgemein autoritären Erziehung sind, die darauf abzielt, den Willen des Kindes zu brechen, können die Folgen noch gravierender sein. Denn der Wille ist eine Kraft, die zwar behindert und beeinträchtigt werden kann, die deshalb aber nicht einfach verschwindet. Sie wird sich vielmehr stauen und einen eigenen Weg der Verwirklichung suchen. Bildlich kann man sich das wie Wasser in einem Stausee vorstellen, dessen Damm irgendwann bricht, sodass das Wasser unkontrolliert zu Tal fliesst und verheerende Schäden anrichten kann. Ob ein Kind, dessen Wille von den Eltern gebrochen wird, eher resigniert oder rebelliert, hängt vor allem von seinem Temperament ab. In beiden Fällen verselbständigt sich der Wille, das heisst, der Wille kann vom Menschen nicht mehr kontrolliert werden, sodass er sich diesem ausgeliefert fühlt. Typische Phänomene sind das Gefühl von Willenlosigkeit oder Unbeherrschtheit. Während Resignation häufig zu Depressionen führen kann, kann Rebellion auch zu eigentlicher Gewalttätigkeit ausarten.

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Kreativität und Transformation

Eltern, die ihre Kinder zum Beispiel wegsperren, haben vielfach die Hoffnung, dass sich das Kind in dieser Zeit Gedanken über sein "Unrecht" oder seinen "Ungehorsam" machen und sich dadurch auch gleich noch "bessern" würde. Das ist allerdings ein Illusion. Denn damit ist ein Kind in den ersten, entscheidenden Phasen der Erziehung noch völlig überfordert, setzt doch ein solcher Prozess bereits die Fähigkeit zu einem Mindestmass an Selbstreflexion voraus. Kommt dazu, dass ihm in dieser schwierigen Lage nicht einmal jemand helfen würde. Das Kind wird sich also in erster Linie verlassen fühlen und sich Gedanken darüber machen, wie es diesem Zustand entfliehen kann oder welche Vorteile dieser ihm bieten könnte. Es wird also versuchen aus der Not eine Tugend zu machen. Dabei können Kinder auf äusserst kreative Lösungen kommen, die sie früher oder später plötzlich auch umsetzen können.

Es ist denn auch nicht verwunderlich, dass man in Biographien vieler grosser Künstler äusserst schwierige Kindheitsjahre erfährt. Und es passt auch dazu, dass viele Künstler kaum selbständig leben können. Gleichzeitig gelten sie als äusserst problematisch, was ihre Beziehungsfähigkeit anbelangt. Umgekehrt liegt darin natürlich auch die Grundlage für viele kreative Therapieformen, in denen Klienten verborgenes Potential anzapfen und sich durch künstlerische Prozesse von traumatischen Erlebnissen befreien können. Es beleibt allerdings meistens ein grosses Rätsel, weshalb die einen Menschen zu dieser Transformation fähig sind, während die anderen an den gleichen Problem zugrunde gehen (oder gar an anderen Menschen mit ihren negativen Energien Schaden anrichten).

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Weiterführende Themen

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Übergeordnetes Prinzip

Freier Wille (zweites Grundprinzip der Erziehung)


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