Vertrauen des Kindes

Aus Das Zweimalzwei der Erziehung
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Bedeutung für die Erziehung

Das Kind kommt mit einem absoluten Vertrauen auf die Welt. Es vertraut dem Leben ganz allgemein und vollkommen - und somit ganz besonders seinen Eltern, die anfangs noch sein ganzes Universum darstellen. Mit ihnen, besonders mit der stillenden Mutter, fühlt es sich eins. Grenzen kennt es noch keine. Doch sein Vertrauen muss von den Eltern erwidert werden, sodass es Selbstvertrauen aufbauen kann.

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Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)

Grundbedürfnisse des Kindes

Während das Kind also bereits mit einem grenzenlosen Vertrauen zur Welt kommt, müssen seine Eltern umgekehrt zuerst lernen, dem Kind zu vertrauen. Das Kind vertraut ganz einfach, dass es von seinen Eltern alles erhält, was es zum Leben braucht, dass es gestillt wird, dass es gehalten und getragen wird, dass es in warme Kleider gewickelt wird und sauber gehalten wird. Und da es noch kein Gefühl für die Zeit hat, also weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft kennt, sondern ganz im Hier und Jetzt lebt, vertraut es auch darauf, dass es alles, was es braucht, immer und sofort erhält.

In der Phase der Vertrauensbildung hat das Kind von Natur aus ausschliesslich Grundbedürfnisse, es hat also weder Wünsche, noch Absichten, vor denen Sie sich hüten müssten. Sie dürfen, ja sollen, dem Kind deshalb grundsätzlich alles geben, wonach es verlangt. Und da es noch ausschliesslich in der Gegenwart lebt, erträgt es auch keinen Aufschub. Geben Sie ihm also möglichst immer und sofort, was es braucht. Denn nur, wenn das Vertrauen des Kindes in seine Eltern in dieser Phase genügend bestätigt wird, kann es in gleichem Masse Selbstvertrauen aufbauen.

Die Regel ist ganz einfach: Wenn das Kind schreit, fehlt ihm etwas oder es hat aus irgendeinem Grund weh! Reagieren Sie deshalb möglichst immer und möglichst sofort. Auch wenn Sie anfangs sicherlich Mühe haben, herauszufinden, was das Kind von Ihnen braucht: Echter Trost ist immer der beste Anfang! Denn das Kind spürt sehr wohl, dass Sie sich zumindest Mühe geben, ihm zu helfen, auch wenn es Ihnen nicht immer gelingen mag.

Gewisse Einschränkungen gelten einzig bei (echten) Gefahren und in Bezug auf den allgemeinen Überfluss, unter dem Kinder gerade in der westlichen Zivilisation besonders leiden. Davor müssen Sie es natürlich schützen, auch wenn es zum Beispiel nach der Bohrmaschine verlangt oder die grosse Zuckerdose leeren möchte. Und schliesslich bringt das übliche Modell der Kleinfamilie auch noch mit sich, dass Sie selbst auch schnell an Ihre Grenzen kommen können, wenn Sie sich nur noch um das Kind kümmern müssen. Sorgen Sie deshalb möglichst von Anfang an für Entlastungsmöglichkeiten (in der Regel freuen sich ja die Grosseltern schon lange darauf, ihre Enkel zumindest zeitweise betreuen zu dürfen), sodass auch Ihre Bedürfnisse noch genügend befriedigt werden.

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Fähigkeiten des Kindes

Kinder haben also von Geburt aus ein grenzenloses Vertrauen in das Leben, in die Welt und vor allem in ihre Eltern. Selbstvertrauen hingegen, müssen sie erst noch entwickeln. Sie tun das dadurch, dass sie etwas Neues solange ausprobieren, bis es ihnen gelungen ist, sei es Sprechen lernen, sei es Treppen steigen. Und mit jeden Erfolg, zumal er von den Eltern beachtet wird, steigt ihr Selbstvertrauen. Entscheidend ist dabei, dass Sie als Eltern Vertrauen in die Fähigkeiten Ihrer Kinder haben und diese möglichst alles selbst tun lassen. Je mehr ein Kind selbst tun darf, desto grösser ist sein Erfolgserlebnis und desto schneller gewinnt es an Selbstvertrauen. Sinnigerweise gibt es für ein Kind in den ersten Jahren auch noch keinen Misserfolg: Für das Kind gibt es einzig und allein Erfahrungen – und die sind immer gut! Das Kind wird den Baustein solange drehen und wenden, bis er passt und es zufrieden mit dem Ergebnis ist. Speziell vormachen brauchen Sie ihm dabei gar nichts, denn das Kind nimmt seine Eltern von sich aus zum Vorbild!

Umgekehrt kann ein Kind sehr schnell resignieren, wenn ihm Hürden zu schnell abgenommen werden oder wenn es ständig vor jeder Gefahr behütet wird. Denn Kinder lernen in erster Linie durch Erfahrungen – und diese müssen sie zwingend selbst erlebt haben, ganz gleich ob sie freudvoll oder schmerzhaft sind! Bedenken Sie dabei auch, dass Kinder mit Schmerzen völlig problemlos zurecht kommen, jedenfalls wenn sie echten Trost erhalten.

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Wiederholungen, Regelmässigkeiten und Abmachungen

Bestärkt wird das Vertrauen schliesslich gewissermassen auch durch den Gang des Lebens, gerade des Alltags: Wenn das Kind mit der Zeit wahrnimmt, dass es abends immer zum Schlafen ins Bett gelegt wird, gewöhnt es sich daran und entwickelt die Erwartung, dass das auch am nächsten Tag so geschieht. Daraus entsteht Vertrauen in die Regelmässigkeit. Darauf können Sie als Eltern aufbauen, indem Sie zunächst mit Ritualen und Abmachungen zu arbeiten beginnen. Wichtig ist dabei, dass Sie sich selbst an die Regeln halten. Das liegt in dieser Phase zunächst noch in Ihrer alleinigen Verantwortung. Sehr schnell aber wird Kind Sie von sich aus daran erinnern, wenn Sie mal vergesslich geworden sind, denn das Kind will wissen, ob es Ihnen auch wirklich vertrauen kann! Dementsprechend heikel sind denn auch nicht eingehaltene Versprechungen oder gar leere Drohungen.

Kinder, die in ihren Erwartungen enttäuscht werden, weil die Eltern zum Beispiel Regeln nicht einhalten, verlieren das Vertrauen in die Eltern und haben entsprechend Mühe Selbstvertrauen zu entwickeln. Selbstvertrauen ist aber die Grundlage, um den nächsten Entwicklungsschritt in Angriff zu nehmen, nämlich Grenzen zu akzeptieren: Wenn das Vertrauen des Kindes in seine Eltern gestört ist, wird es kaum fähig sein, Grenzen zu akzeptieren, sondern auf jedes „Nein!“ mit Verlustängsten oder Wutanfällen reagieren.

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Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)

Wenn Sie es in den beiden ersten Jahren eine tragfähige Vertrauensbasis geschafft haben, sind Sie nun bereit, die zweite grosse Herausforderung in der Erziehung anzunehmen, nämlich der Umgang mit dem Willen des Kindes, der in der Regel etwa im dritten Lebensjahr erwacht.

Wille und Grenzen

Der frisch erwachte Wille des Kindes ist anfangs meist noch eine äussert ungestüme Kraft, ob der nicht nur die Eltern häufig erschrecken, sondern von der auch das Kind anfangs noch geradezu übermannt wird. Plötzlich fliegen die Fetzen und in den kleinen Liebling ist vermeintlich der Teufel gefahren. Das ist an sich völlig normal, entscheidend ist einzig, wie Sie als Eltern darauf reagieren, denn das Kind vertraut Ihnen auch in dieser Situation. Es schreit gewissermassen nach Grenzen. Und Ihre Antwort darauf muss heissen: "Nein!", einmal, dafür laut und deutlich ausgesprochen. Dieses "Zauberwort" versteht jedes Kind, jedenfalls wenn es mit Überzeug und ohne jede Abschwächung daherkommt. Sie dürfen ruhig einmal zu laut werden, das schadet gar nichts - und ist vor allem viel besser als wenn Sie zehn Mal zu leise oder bloss halbherzig aussprechen. Es gibt Kinder, die muss man mit dem "Nein!" richtig erschrecken, um sie zum Innehalten zu bringen, bei anderen genügt schon ein dezidierte "Nein!".

Voraussetzung, dass das klappt, ist natürlich zunächst Ihre eigene Haltung und Überzeugung, das heisst, Sie müssen schon wissen, was Sie wollen und was Sie dulden. Wenn Sie unsicher sind, wird es das Kind sofort spüren und Ihnen nicht wirklich vertrauen können. Wenn Sie in Ihrem "Nein!" unsicher sind, ist die Wahrscheinlichkeit zudem gross, dass Sie zuvor, also in der Phase der Vertrauensbildung, nicht wirklich "Ja" sagen konnten. jSie fürchten sich dann immer vor einem Liebesverlust, weil Sie meinen, Sie könnten doch nicht so hart zu Ihrem Kind sein. In Tat und Wahrheit verhält es sich habe genau umgekehrt: Nur wenn Sie dem Kind auch Grenzen setzen, stehen Sie in Kontakt zu ihm und können etwas für die Beziehung leisten. Wenn Sie sich der Konfrontation hingegen entziehen, verlieren Sie auch den Kontakt und ignorieren sein Bedürfnis, von Ihnen gehört zu bekommen, was geht und was nicht. Diese Überlegung sollten sich übrigens gerade Mütter machen, die schon als Frau die Erfahrung machten, dass ihre eigenen Grenzen nicht genügend respektiert werden.

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Regeln und Vereinbarungen

Die ersten Konfrontationen zwischen dem Willen des Kindes und dem der Eltern verlaufen selten einfach. Denn die Eltern müssen zuerst lernen, wie sie angemessen Grenzen setzen und wie sie mit allfälligem Toben des Kindes umgehen. Haben Sie das aber erst einmal gelernt, können Sie beginnen mit dem Kind Willenskonflikte, die ja in jeder Beziehung völlig normal sind, auf eine konstruktive Art und Weise anzugehen, indem sie Vereinbarungen treffen. Vereinbarungen sind Regeln, sie Sie mit dem Kind gemeinsam entwickeln (also im Gegensatz zu den bisher einseitig von Ihnen aufgestellten Abmachungen). Das Kind wird Ihnen vertrauen, dass Sie mit ihm gerechte Vereinbarungen suchen, jedenfalls wenn es bereits erfahren durfte, dass Sie sich bisher selbst an Regeln und Abmachungen gehalten haben. Häufig kommen Kinder schon von sich aus mit Dingen, die Sie mit Ihnen Regeln wollen oder machen Vorschläge, was, wann und wie gelten soll.

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Sozialisation bis Pubertät (etwa 4 bis 16 Jahre)

Irgendwann sollten Kinder das grenzenlose Vertrauen in ihre Eltern aber auch wieder verlieren können und sich selbst vertrauen, dass sie das Richtige für ihr Leben finden.

Vorbilder innerhalb und ausserhalb der Familie

Alternativen finden Kinder ja bereits im Rahmen der Sozialisation, also spätestens mit dem Eintritt in die (Vor)Schule, wenn andere Autoritätspersonen zu Vorbildern werden. Da diesen Personen regelmässig und zumindest teilweise die Rolle von Ersatzeltern zukommt, ist es bloss folgerichtig, dass Kinder auch zu diesen Personen Vertrauen aufbauen werden. Und da deren Wertvorstellungen von jenen der Eltern mit grösster Wahrscheinlichkeit mehr oder weniger abweichen, werden sich Kinder fragen müssen, wem sie nun was trauen sollen. Nach den ersten, alles entscheidenden Phasen der Erziehung sollte das Kind denn auch schon genügend reif sein, um mit solchen Unterschieden umgehen zu können. Wenn das Kind zum Beispiel nach Hause kommt und Sie fragt, weshalb die Grünabfälle im Kindergarten einfach in den allgemeinen Kehricht geworfen werden, während es zu Hause gewohnt ist, dass Sie kompostieren, können Sie ihm mit einfachen Worten erklären, weshalb Sie das für sinnvoll halten und ihm zum Beispiel vorschlagen, einmal im Kindergarten nachzufragen, weshalb das dort nicht auch gemacht wird. Die Frage nach dem "Warum" von Kindern an Erwachsene kann übrigens häufig Wunder wirken und zumindest zum Nachdenken oder gar zum Umdenken anregen.

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Selbstreflexion und Abgrenzung

Spätestens mit der Pubertät ist es dann Zeit, dass Jugendliche beginnen, einerseits über sich selbst zu reflektieren und andererseits ihre Eltern komplett, oder doch zumindest deren Wertvorstellungen, in Frage zu stellen. Und das ist auch gut so. Denn um den eigenen Weg zu finden, muss man zuerst einmal die ausgetretenen Pfade, so bewährt diese auch sein mögen, verlassen und in die weglose Wildnis ziehen. Gut möglich, dass man danach wieder auf dem gleich Weg landet, weil es doch der beste ist. Es ist dann aber ein selbst gewählter und kein vorgespurter. Und genau da ist der entscheidende Unterschied zwischen Selbstvertrauen und Vertrauen!

Die Abgrenzung des Jugendlichen von seinen Eltern bedeutet also nicht etwa einen Vertrauensverlust, sondern sollte Sie darin bestätigen, dass Sie Ihr Ziel, nämlich die Selbständigkeit Ihres Kindes, erreicht haben! Nun müssen Sie ein letztes Mal Vertrauen in Ihr Kind und in Ihre Erziehungsarbeit aufbringen und Sie können sicher sein, dass Ihr Sohn oder Ihre Tochter irgendwann wieder gerne zurückkehrt und mit Ihnen eine Beziehung auf Augenhöhe pflegen wird!

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Weiterführende Themen

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Übergeordnetes Prinzip

Selbstvertrauen (erstes Grundprinzip der Erziehung)


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