Willensbildung

Aus Das Zweimalzwei der Erziehung
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Bedeutung für die Erziehung

Die Phase der Willensbildung beginnt in der Regel etwa im dritten Lebensjahr des Kindes und ist, zusammen mit der Vertrauensbildung, die weitaus wichtigste Phase der Erziehung. Es geht um das zweite Grundprinzip der Erziehung: den freie Willen. Das Kind spürt nun plötzlich – und für Eltern häufig ziemlich überraschend – dass sich in ihm eine riesige Kraft entwickelt, mit der es alles erreichen kann oder zumindest glaubt, dass es alles erreichen könnte. Tatsächlich gilt für Kinder in dieser Phase „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“.

Wenn das Kind diese Kraft konstruktiv soll nutzen können, braucht es nun auch Grenzen, entweder im Rahmen von natürlichen Herausforderungen oder als Grenzen der Eltern. Anders ausgedrückt geht es in der Phase der Willensbildung auch um das "Nein!", nachdem die Vertrauensbildung während den beiden ersten Lebensjahren vom "Ja" geprägt war.

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Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)

Das "Nein!" ist auf das Engste mit dem "Ja" zum Kind verbunden. Denn nur Eltern, die wirklich "Ja" gesagt haben, können auch "Nein!" sagen und nur ein Kind, das ein wirkliches "Ja" erfahren hat, kann später ein "Nein!" respektieren. Die Willensbildung setzt deshalb ein tragfähiges Vertrauensverhältnis voraus. Diese Vertrauensbildung muss in den beiden ersten Lebensjahren geschehen, ansonsten die Basis für die Beziehung zwischen den Eltern und dem Kind fehlt.

Das Kind muss in dieser Zeit erfahren haben, dass all seine Grundbedürfnisse möglichst bedingungslos, unmittelbar und umfassend befriedigt wurden. Nur so wird sein Vertrauen in die Eltern, das es von Geburt aus mitbringt, bestätigt. Im gleichen Masse, wie die Eltern gelernt haben, dem Kind, dessen Bedürfnissen und Fähigkeiten zu vertrauen, kann das Kind Selbstvertrauen entwickeln. Und genau dieses Selbstvertrauen ist Voraussetzung dafür, dass das Kind das "Nein!" der Eltern akzeptieren kann. Ein Kind hingegen, das noch zu wenig Selbstvertrauen hat, wird sich schon beim geringsten Widerstand sofort in Frage stellen und daran zweifeln, dass es überhaupt geliebt wird und folglich mit Verlustängsten reagieren.

Sozusagen ein erster Prüfstein ist die "kleine Autonomiephase", das heisst, wenn das Kind zu laufen oder sprechen lernt. Sein Aktionsradius erweitert sich plötzlich und es kann seine Bedürfnisse noch besser mitteilen. Der Wille ist aber immer noch auf die Grundbedürfnisse des Kindes, insbesondere seinen Bewegungsdrang, ausgerichtet. Das heisst, das "Nein!" der Eltern ist noch ohne grossen Nachdruck durchzusetzen, meistens wird sogar einfaches Zureden genügen.

Als Eltern sollten Sie also in den beiden ersten Jahren gelernt haben, dass Ihr Kind unglaubliche Fähigkeiten hat und diese auch selbst entwickeln kann. Wenn das Kind zum Beispiel beim Laufen lernen immer wieder hinfällt, ohne dass Sie sich gleich auf es stürzen und wieder hochheben, überlassen Sie ihm die Verantwortung und es kann lernen, wie es sich noch geschickter bewegen kann. Nur wenn Sie in dieser Phase gelernt haben, an die Fähigkeiten des Kindes zu glauben, werden Sie in der folgenden Phase der Willensbildung dem Kind zumuten können, dass es auch mit Grenzen und Ihrem "Nein!" umgehen kann.

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Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)

Der Wille ist nebst dem Selbstvertrauen, die wohl wichtigste Kraft der Persönlichkeit, wenn es darum geht, dass der Mensch sein ganzes Potential ausschöpfen kann. Als Eltern müssen Sie deshalb äusserst achtsam umgehen: Einerseits soll das Kind diese Kraft möglichst konstruktiv und kreativ einsetzen können, andererseits wird es mit seiner Willensenergie unweigerlich mit den Absichten und Wertvorstellungen seiner Umwelt konfrontiert. Sie müssen des Kind deshalb zeigen, wie es mit dieser Kraft so geschickt umgehen kann, dass es einerseits seine Ziele erreichen kann, andererseits aber auch seine Umwelt respektieren kann. Als Eltern sind Sie dafür eine Art "Sparringspartner", Sie müssen also in dieser Phase einiges aushalten und vor allem lernen, konsequent zu bleiben.

"Kultivierung" des Willens

Die Allmachtsphantasien von Dreijährigen sind legendär. Der Glaube, Berge versetzen zu können, hat vor allem mit der Kraft des Willens zu tun. Dieser Glaube ist zwar sehr wertvoll, doch muss der junge Mensch gleichzeitig lernen, dass er gewisse Grenzen respektieren muss, ansonsten er sehr schnell abstürzen könnte. Respekt lernt das Kind, wenn sein Wille im Alter zwischen etwa zwei und vier Jahren gewissermassen kultiviert wird. Kultiviert wird der Wille, wenn Sie als Eltern lernen, Ihrem Kind Grenzen zu setzen. Dafür gibt es ein einziges Zauberwort: „Nein!“. Mit diesem genau einmal, aber laut und deutlich, ausgesprochenen Wort zeigen Sie dem Kind, wo die Grenze seines Willens ist.

Grenzen kann das Kind von Natur aus nämlich noch nicht erkennen und deshalb auch nicht von sich aus einhalten, es muss sie zuerst erfahren. Deshalb liegt es in der alleinigen Verantwortung der Eltern, Grenzen zu setzen. Das verlangt von den Eltern anfangs häufig einiges an Überwindung und Mut. Denn Grenzen stehen dem ersten Prinzip des Vertrauens auf den ersten Blick diametral gegenüber: Während die Vertrauensbildung ein "Ja" voraussetzt, verlangt die Willensbildung nun nach einem "Nein!". In Tat und Wahrheit bedingen sich diese beiden Prinzipien aber gegenseitig: Das eine geht nicht ohne das andere!

Das zeigt sich insbesondere darin, dass Kinder Grenzen nur dann akzeptieren können, wenn sie bereits genügend Selbstvertrauen entwickelt haben. Denn ohne das Vertrauen, dass das Kind trotz eines „Neins!“ von seinen Eltern geliebt wird, wird es sich zurückgewiesen fühlen und mit entsprechender Verunsicherung reagieren. Ein Kind hingegen, das genügend Selbstvertrauen entwickeln konnte, wird einen Widerstand nicht als Zurückweisung, sondern als Kontakt empfinden, den es unbedingt benötigt.

Eltern haben nur dann den Mut, dem Kind laut und deutlich "Nein!" zu sagen, wenn sie dem Kind auch zutrauen, mit den Konsequenzen umgehen zu können. Ansonsten werden sie dem Kind höchstens halbherzig Widerstand leisten, dafür immer wieder und solange, bis es ihnen womöglich verleidet ist und sich das Kinds schliesslich durchgesetzt hat; Die andere, nicht minder kontraproduktive Variante ist die, dass die Eltern solange zuwarten, bis sie "explodieren" und das Kind mit roher Gewalt stoppen.

Wie jede Kraft, will auch der Wille gebraucht, das heisst gefordert werden. Kinder suchen deshalb gerade in diesem Alter Herausforderungen. Ermutigen Sie das Kind beim Klettern auf den Baum oder beim Wandern in den Bergen. Auch Fussball spielen eignet sich wunderbar für Kinder in diesem Alter: Jedes Kind kann auf einen Ball eindreschen, doch muss es auch lernen, den Ball zu treffen (und nicht das Bein der Mitspieler), oder lernen, dass es den Ball nur in bestimmten Situationen in die Hände nehmen darf. Das sind elementare Regeln, mit denen der Wille auf sehr einfache und doch sehr effiziente Art und Weise in sinnvolle und nützliche Bahnen gelenkt werden kann.

Übertreiben Sie es aber nicht: Ihr Kind braucht in diesem Alter noch kein "Training". Es ist zwar durchaus möglich, Kinder schon in diesem Alter zu Höchstleistungen zu treiben und auf einen künftigen Tennisstar zu hoffen. Doch geht das in der Regel nur nach dem Prinzip von "Zuckerbrot und Peitsche", grenzt also eher an Dressieren. Falls Sie unsicher sind, wie weit Sie gehen dürfen: Solange das Kind Freude an den Herausforderungen hat, sind Sie "im grünen Bereich".

Doch auch Kinder können mit dem Erwachen des Willens nun ausdrücklich und lautstark "Nein!" sagen. Und auch das ist gut so! Wenn Sie als Eltern vom Kind fordern, dass es Ihr "Nein!" respektiert, müssen Sie sich umgekehrt unbedingt auch daran halten. Denn Zwingen würde gar nichts helfen, sondern sich ganz im Gegenteil ausgesprochen kontraproduktiv auswirken. Wenn das Kind zum Beispiel den Fussball nicht mehr aus den Händen geben will, dürfen Sie ihm diesen nicht einfach aus den Händen reissen. Das wäre ein Machtmissbrauch und somit eine Grenzüberschreitung Ihrerseits: Sie setzen damit dem Kind keine Grenze, sondern brechen seinen Willen. Ein Kind, dessen Wille gebrochen wird, wird sich aber gut überlegen, wie es seinen Willen das nächste Mal durchsetzen kann und es wird früher oder später entsprechende Wege finden (spätestens wenn es Ihnen körperlich nicht mehr völlig unterlegen ist)! Besser wäre also zum Beispiel das Fussballspiel einfach zu unterbrechen und zu warten: So kann das Kind verstehen, dass das Spiel nicht weitergehen kann, wenn es sich nicht an die Regeln hält. Da Kinder aber von Natur aus ausgesprochen kooperativ veranlagt sind, wird es nicht lange gehen und es will wieder mitspielen. Vielleicht klappt das noch nicht beim ersten Mal, doch mit ein wenig Güte und Geduld lernt das Kind sehr schnell, wie es seinen Willen erfolgreich einsetzen kann.

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Tobsuchtsanfälle und Trotzreaktionen

Ganz ohne Konflikte zwischen Eltern und Kind wird es anfangs selten gehen. Denn höchstens erfahrene Eltern sind auf das gefasst, was gemeinhin als Tobsuchtsanfall bezeichnet wird: Das Kind will etwas und lässt sich weder mit Argumenten noch Begründungen oder gar Drohungen davon abhalten, sondern beginnt derart zu toben, dass scheinbar nichts mehr helfen kann. Die allermeisten Eltern reagieren da beim ersten Mal ziemlich hilflos oder gar mit roher Gewalt, indem sie zum Beispiel dem Kind einfach das als zu gefährlich empfundene Messer aus den Händen reissen (wobei sinnigerweise gerade dadurch die eigentliche Gefahr erst entsteht!).

Spätestens nach einer solchen Eskalation sollten sich die Eltern Zeit nehmen und sich in Ruhe Gedanken über diese für das Kind absolut entscheidende Entwicklung machen. Denn wenn Sie erst einmal erkannt haben, dass es sich beim Willen zum einen um etwas äusserst Wertvolles handelt und es zum anderen ganz einfache Mittel gibt, dieser Urgewalt konstruktiv zu begegnen, werden Sie plötzlich staunen, wie harmlos eigentlich alles ist und wie kurz diese "schwierige" Phase ist!

Die Antwort der Eltern heisst nämlich ganz einfach, aber laut und deutlich, „Nein!“. Es genügt ein einziges "Nein!". Vorausgesetzt Sie bleiben konsequent dabei. Das heisst beim Kind bleiben und geduldig abwarten, bis es dieses „Nein“ akzeptiert hat. Wichtig ist dabei, dass Sie das Kind keinesfalls verlassen, sondern ruhig neben ihm bleiben, auch wenn es auf dem Rücken liegt und wild um sich schreit. Sie brauchen das Kind weder zu halten noch mit ihm zu sprechen (zumal es sich mit grösster Wahrscheinlichkeit gegen beides mit Händen und Füssen wehren wird!). Konzentrieren Sie sich dafür darauf, dass Sie das Kind auch in dieser Situation bedingungslos lieben: Vertrauen Sie ihm, dass es sich von alleine wieder beruhigt und danach etwas ganz Wichtiges gelernt hat: Es darf seinen eigenen Willen haben, doch kann dieser auf Grenzen seiner Umwelt stossen und muss entsprechend gebändigt werden. Denn mit einer solch enormen Kraft muss das Kind erst umzugehen lernen. Dazu braucht es seine Eltern als eine Art Sparringpartner: Als Eltern müssen Sie hinstehen und Widerstand leisten. Wenn das Kind Sie zum Beispiel schlägt (was in dieser Phase häufig vorkommt und an sich völlig normal ist!), dürfen Sie es weder zurückschlagen noch einfach davor ausweichen. Rufen Sie stattdessen sofort und laut „Nein!“ (Sie können auch "Halt!" oder "Stop!" rufen, doch ist das bereits eine Abschwächung von "Nein!"). Sie dürfen das Kind dabei auch richtig anschreien. Gerade bei Jungen kann das nötig sein. Im Extremfall können sie dem tretenden Kind auch einmal die Kante der Schuhsohle hinhalten, sodass es seine Kraft körperlich zu spüren bekommt. Wichtig ist dabei, dass Sie in voller Überzeugung - aber immer nur einmal! - ein klares Signal setzen. Wenn Sie hingegen mehrmals und in abgeschwächter Form reagieren, werden Sie ein Kind, in dem gerade der Willen zu explodieren beginnt, niemals überzeugen können und es wird weiter nach seinen Grenzen suchen. Wenn das Kind aber von seinen Eltern keine Grenzen erhält, wird es diese ausserhalb zu suchen beginnen, was dann regelmässig mit unkontrollierbaren Gefahren verbunden ist.

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Das "Nein!" des Kindes

Der Wille des Kindes äussert sich aber nicht nur fordernd ("Ich will!"), sondern auch abwehrend, indem das Kind "Nein!" sagt . Das "Ich will nicht!" müssen Sie als Eltern aber genauso respektieren, wie Sie vom Kind fordern, dass es seinerseits Ihren Willen respektiert. Das folgt schon alleine daraus, dass das Kind Sie als Eltern automatisch zum Vorbild nimmt! Wenn das Kind also zum Beispiel ein notwendiges Medikament nicht gleich schlucken will, dürfen Sie ihm dieses keinesfalls einfach in den Mund stopfen. Das wäre gleich in mehrfacher Hinsicht kontraproduktiv: Erstens lernt das Kind, dass Heilung mit Zwang verbunden ist (statt mit Erlösung von der Krankheit) und zweitens wird es sich beim nächsten Mal davor hüten, bloss in die Nähe eines Arztes oder Medikaments zu geraten. Und drittens ist Zwang nicht bloss eine Grenzüberschreitung, sondern immer auch ein Zeichen mangelnden Vertrauens: Die Eltern trauen dem Kind nicht zu, dass es das tut, was für es gut ist.

Gerade das Beispiel mit dem Medikament zeigt, wie entscheidend ein tragfähiges Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kind ist, um solche Konflikte meistern zu können: Wenn das Kind nämlich zuvor, das heisst in den beiden ersten Lebensjahren, die Erfahrung machte, dass es nie zum Essen gezwungen wurde, aber umgekehrt immer Essen bekam, wenn es Hunger hatte, lernte es seinen Eltern zu vertrauen, dass diese sich immer Mühe geben, möglichst alle seine Grundbedürfnisse zu befriedigen. Dieses Vertrauen wird nämlich notwendig sein, wenn das Kind ein Medikament nehmen soll, ohne dass es einen Zusammenhang zur Heilung erkennen kann (zumal viele Medikamente bei der Einnahme auch noch eher unangenehm sind): Als Eltern können Sie noch einen Moment warten und dem Kind ruhig erklären, wie das mit den Medikamenten funktioniert (oder das Kind daran erinnern, dass Sie selbst auch schon dies oder jenes genommen haben und danach die Schmerzen wieder weg gingen). In aller Regel wird das Kind das Medikament dann ohne weiteres einnehmen (notfalls kann auch "sanfter Druck" helfen, zum Beispiel in Form einer kleinen Belohnung).

In den meisten Fällen können Sie das "Nein!" des Kindes aber sowieso ganz einfach akzeptieren, das heisst dem Kind die Konsequenzen davon zumuten, ohne dass irgendeine Gefährdung entstehen würde. Das gilt auch dann, wenn Sie der Meinung sind, dass das Kind mit seinem "Nein!" völlig irrational reagieren würde. Denn gerade zu Beginn der Willensbildung geht es weniger um rationale Argumente, als vielmehr um den Willen als solchen: Das Kind hat eine Kraft entdeckt, die es ausprobieren will. Wenn das Kind zum Beispiel spätabends das Zimmer nicht mehr aufräumen will, brauchen Sie es dazu nicht zu zwingen. Entscheidend ist aber, dass Sie die Arbeit nicht einfach übernehmen, sondern die Konsequenzen dem Kind überlassen. Das kann dann zum Beispiel bedeuten, dass es am nächsten Morgen erst dann Frühstück erhält, wenn es aufgeräumt hat (oder Sie gehen noch weiter und lassen das Kind so lange in seiner Unordnung, bis es ihm selbst zu unwohl wird).

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Natürliche Grenzen des Kindes

Der Wille des Kindes stösst nicht nur an Grenzen seiner Mitmenschen, sondern auch an seine eigenen: Wenn das Kind immer wieder den Baum hochklettert, wird es irgendwann erschöpft sein oder es hat ab einer gewissen Höhe Angst und will wieder runter. Lassen Sie das Kind unbedingt solche eigenen Erfahrungen machen. Es ist wichtig, dass das Kind selbst spürt, bis wohin es mag. Dann brauchen Sie sich nämlich auch keine Sorgen zu machen, dass sich das Kind überfordern würde. Kinder überfordern sich selbst nämlich erst dann, wenn ihnen immer wieder verwehrt wurde, ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen, ansonsten hören sie einfach auf, wenn sie genug haben.

Vertrauen Sie also Ihrem Kind, dass es selbst am besten weiss, wie weit es gehen kann. Diese Erfahrung von Grenzen und das gleichzeitige Vertrauen der Eltern lehren das Kind, auch Grenzen seiner Umwelt besser wahrzunehmen. Wenn das Kind zum Beispiel bis zur Erschöpfung herumrennen darf, wird es auch besser verstehen, wenn umgekehrt Sie ihm einmal sagen, dass Sie nun nicht mehr mögen.

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Gebrochener Wille und Willensschwäche

Während es in früheren Zeiten im Rahmen eines autoritären Erziehungsstils geradezu eine Tugend war, den Willen des Kindes zu brechen, fielen einige Eltern mit der sogenannten antiautoritären Erziehung gleich ins andere Extrem und begannen schlicht darauf zu verzichten, Grenzen zu setzen. Beides ist ausgesprochen kontraproduktiv.

Wenn Sie auf den Willen mit roher Gewalt reagieren, das Kind also zum Beispiel einfach irgendwo losreissen, es einsperren, oder es gar schlagen, wird sein Wille Wille gebrochen. Das hat sowohl für Sie als Eltern als auch für das Kind fatale Folgen: Das Kind wird zunächst eine riesige Wut auf Sie entwickeln, die es aufgrund seiner körperlichen Unterlegenheit aber noch nicht "erfolgreich" einsetzen kann, und sich womöglich gleich noch vornehmen, sich irgendwann an Ihnen zu rächen. Dazu muss es nicht einmal unbedingt warten, bis es körperlich stärker als Sie sein wird: es wird schon genügen, Sie in einem schwachen Moment mit List zu erwischen! Die Beziehung zwischen Ihnen und dem Kind wird dadurch jedenfalls massiv beeinträchtigt und entsprechend wird das Kind auch nur beschränkt seine Beziehungsfähigkeit entwickeln können.

Und schliesslich wird sein gebrochener Wille das Kind zu äusserst gefährlichen Ersatzhandlungen provozieren oder sich gar gegen es selbst richten, zum Beispiel in Form von Resignation, Faulheit, leichter Beeinflussbarkeit oder gar Depressionen. Denn der Wille mag zwar gebrochen sein, verschwunden ist er deshalb noch lange nicht. Er wird sich ganz einfach in wortwörtlich krummer Form äussern.

Doch auch das Gegenteil eines gebrochenen Willens ist verheerend: Wenn Sie dem Willen des Kindes keinen Widerstand entgegenhalten, wird dieser schlicht ins Leere laufen. Ein Kind, das einfach ohne Rücksicht auf seine Umwelt tun und lassen kann, was ihm gerade einfällt, wird seine Antriebskraft sehr schnell verlieren. Es wird in Gruppen zudem schnell zum Störenfried und wird später Mühe haben, Beziehungen einzugehen. Der Wille ist wie ein Muskel, der trainiert werden will, ansonsten er sehr schnell erschlafft und womöglich zu kränkeln beginnt.

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Sozialisation bis Pubertät (etwa 4 bis 16 Jahre)

Mit dem Eintritt in die (Vor)Schule sollte das Kind genügend reif sein, um fortan weitgehend selbständig erwachsen zu werden. Von diesem Moment an dürfen Sie sich als Eltern bereits auf eine Art Begleitung zurückziehen. Ob das Kind diese Reife bereits erreicht hat, können Sie zum Beispiel daran erkennen, ob es mit den Regeln in der Schule (oder allenfalls im Musik- oder Sportunterricht) klar kommt, also ohne dass Sie als Eltern dauernd dabei sein müssen. Denn nur wenn das Kind bereits genügend Selbstvertrauen hat, seine Kameraden respektieren kann und umgekehrt sich dafür wehren kann, dass auch sein Wille respektiert wird, kann von einer erfolgreichen Sozialisation gesprochen werden.

Ein echter Prüfstein, ob die Erziehung in den ersten Jahren erfolgreich war, ist die Pubertät. Der Wille zur Selbstbestimmung bricht dann in Jugendlichen mehr oder weniger heftig aus. Das verlangt von Ihnen als Eltern in erster Linie, dass Sie loslassen können, denn wenn Sie Jugendliche in diesem Alter noch zurückhalten wollen, kommt es zwangsläufig zu massiven Konflikten, die Sie schon aus rein körperlichen Gründen in der Regel nicht mehr beherrschen können. Davon abgesehen sollte sich die Auseinandersetzung nun zudem nach ausserhalb der Familie verlagern. Das geht aber nur dann gefahrlos, wenn der Jugendliche schon als Kind erfahren konnte, dass seinem Willen Grenzen gesetzt werden und er seinerseits von den Eltern respektiert wurde. Dann ist der Jugendliche fähig, auch mit seinen Kameraden einen respektvollen Umgang zu kultivieren, auch wenn es mal zum einen oder anderen "Hahnenkampf" oder "Zickenkrieg" kommt.

Wurden dem Kind hingegen in den ersten Jahren nur ungenügend gelehrt mit Grenzen umzugehen, wird es in der Pubertät häufig sehr schnell gefährlich. Denn einerseits lauern die Versuchungen und Gefahren der Erwachsenenwelt und andererseits stossen gerade diese Jugendlichen regelmässig auf Leute mit den gleichen Problemen, sodass Gewalttätigkeit und Missbrauch schon fast zwangsläufige Folgen sind.

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Erwachsenwerden (etwa 16 bis 25 Jahre)

Das Ziel der Erziehung ist gemäss diesem Wiki Selbständigkeit und Beziehungsfähigkeit. Dazu ist nebst Selbstvertrauen eben auch ein freier Wille nötig. Ob und wann das erwachsene Kind dieses Ziel erreicht beziehungsweise überhaupt erreichen will, ist zwar mehr eine Frage seiner eigenen Persönlichkeit oder gehört gar zu seinem, wie auch immer definierten, Schicksal. Doch als Eltern haben Sie immerhin die einmalige Chance, dem Kind das Fundament dazu zu schaffen. Dieses Fundament muss in den ersten vier, entscheidenden Jahren gelegt werden.

Die Zeit der Berufsbildung, sei es in einem Lehrbetrieb oder an einer Hochschule, ist häufig auch die Zeit, in der sich Jugendliche und junge Erwachsene "die Hörner abstossen". Konflikte mit Autoritätspersonen, oder zumindest Infragestellungen, sind an der Tagesordnung. Diese Personen sind meistens aber bloss eine Projektionsfläche für Themen, die eigentlich die Eltern in der ersten Jahren hätten lösen sollen, insbesondere eben Grenzen. Ausdruck des eigenen Willens sind auch Streitgespräche und Diskussionen über die Gesellschaft (insbesondere deren Ungerechtigkeit) und ähnliches. Es dürfte dabei eher die Regel als die Ausnahme sein, dass Ihnen die Ansichten Ihrer Kinder über "Gott und die Welt" als abstrus, unsinnig oder zumindest unüberlegt erscheinen. Das mag durchaus auch objektiv betrachtet so sein. Doch sollten Sie diese Mängel eher als eine gewisse Unbeholfenheit im Ausdruck betrachten. Üben Sie sich in Toleranz, ähnlich wie Sie es damals machten, als das Kind zu sprechen begann und nur mit Mühe die richtigen Worte fand, geschweige denn die korrekte Aussprache oder gar Grammatik. Das Thema wiederholt sich nämlich bei Jugendlichen ganz ähnlich: Primär geht es um die Opposition gegen das Bestehende - wofür die Eltern eher symbolisch stehen! - an sich, als um stringente Ausführungen. Statt also einfach alles gleich als Hirngespinst abzutun, sollten Sie nachfragen und so vom Jugendlichen fordern, seine Überlegungen zu begründen und zu überprüfen.

In dieser Zeit zeigt sich Ihr Erfolg in der Erziehung auch an der Ausdauer und an der Frustrationstoleranz bei der Ausbildung.

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Erwachsen (ab etwa 25 Jahre)

Der Wille ist also eine äusserst wertvolle Kraft des Menschen, verlangt während seiner Entfaltung aber auch sehr viel Aufmerksamkeit, ansonsten diese Kraft entweder verkümmert oder zum Schaden anderer ausartet. Das Ziel der Erziehung sollte deshalb der freie Wille sein.

Freier Wille bedeutet, dass ein Mensch Mittel und Wege findet, seine wirklichen Ziele zu erreichen. Ziele, die nicht bloss für den Menschen selbst sinnvoll sind, sondern auch für seine Umwelt von Nutzen sind. Es geht also darum, dass der Mensch sein ganzes Potential abrufen kann, all seine Kreativität leben kann, sodass er damit selbst Zufriedenheit und Glück findet und auch seine Mitmenschen erfreuen kann. Freier Wille ist denn auch ziemlich genau das Gegenteil von Egoismus, denn er strebt nicht bloss nach kurzfristiger Befriedigung oder Gewinn an Materiellem, sondern dient höheren Zielen der Menschheit. Es geht also um eine innere Freiheit.

Zu dieser inneren Freiheit ist grundsätzlich jeder Mensch fähig. Voraussetzung ist aber, dass der Wille in den ersten, alles entscheidenden Jahren des Kindes von den Eltern entsprechend kultiviert wurde, ansonsten es später enorm schwierig wird. Kultiviert wird der Wille in erster Linie dadurch, dass dem Kind Grenzen gesetzt werden und umgekehrt die Grenzen des Kindes ebenso respektiert werden. Dafür sind ausschliesslich die Eltern zuständig (also weder die Schule noch die Nachbarn). Wenn das Kind in den ersten vier Jahren erst einmal gelernt hat, mit diese Kraft konstruktiv umzugehen, wird es seinen ganz individuellen Willen von alleine und selbst zum Guten weiterentwickeln. Es kann dann bereits in der (Vor)Schule seine Anliegen ausdrücken oder seine eigenen Ideen umsetzen. Gleichzeitig kann es auch Grenzen seiner Umwelt respektieren und ist seinerseits fähig, "Nein!" zu sagen, das heisst sich zum Beispiel gegen Grenzüberschreitungen seiner Kameraden zu wehren.

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Weiterführende Themen

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Übergeordnetes Prinzip

Freier Wille (zweites Grundprinzip der Erziehung)


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