Verlässlichkeit

Aus Das Zweimalzwei der Erziehung
(Weitergeleitet von Zuverlässigkeit)
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Bedeutung für die Erziehung

Kinder sind bei ihrer Geburt auf Gedeih und Verderb von ihren Eltern abhängig. Sie müssen sich also auf deren Sorge verlassen können. Dazu bringen sie ein grenzenloses Vertrauen in ihre Eltern mit. Es liegt deshalb an den Eltern dieses Vertrauen zu erwidern, indem sie dem Kind durch ihre Fürsorge bestätigen, dass es sich tatsächlich auf sie verlassen kann. Zudem müssen die Eltern erst noch lernen, ihrerseits dem Kind beziehungsweise dessen Grundbedürfnissen und Fähigkeiten zu vertrauen. Erst aus diesem gegenseitigen Vertrauen kann das Kind Selbstvertrauen entwickeln, nebst dem freien Willen die wichtigste Kraft eines reifen Menschen.

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Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)

Grundbedürfnisse des Kindes

Während der Phase der Vertrauensbildung muss sich das Kind darauf verlassen können, dass sein Grundbedürfnisse immer und bedingungslos Vorrang haben. Das heisst zum Beispiel, dass Hunger immer und sofort gestillt werden muss, oder dass das Kind bei Schmerz oder Trauer sofort und richtig getröstet wird, wenn es danach schreit. Nur wenn das Kleinkind das erhält, was es erwartet, fühlt es sich in seinem Dasein bestätigt. Grundbedürfnisse sind zu unterscheiden von Wünschen, deren Erfüllung selbstverständlich nicht zwingend ist (und die das Kind von sich aus erst mit Willensbildung entwickelt!). Vertrauen Sie also dem schreienden Kind, dass es etwas braucht und versuchen Sie sofort herauszufinden, um was es geht. Auch wenn es Ihnen nicht immer und sofort gelingt zu spüren, was dem Kind fehlt, es sollte sich zumindest darauf verlassen können, dass Sie sich darum bemühen.

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Anwesenheit

Aus der anfänglich totalen Abhängigkeit des Kindes von seinen Eltern ergibt sich auch die Notwendigkeit, dass Sie grundsätzlich immer für das Kind anwesend sind. Ein Kleinkind kann noch nicht verstehen, dass Sie bloss kurz zum Arbeiten weg sind und danach wiederkommen, denn es lebt noch voll und ganz in der Gegenwart und hat keine Ahnung von einer Zukunft: wenn Sie weg sind, sind Sie weg und somit nicht mehr existent! Sie müssen deshalb sehr achtsam sein, wenn Sie das Kind langsam aber sicher an vorübergehende Abwesenheiten gewöhnen wollen, ansonsten es womöglich mit Verlustangst reagieren wird: Das Kind kann nur aus der Wiederholung erfahren und lernen, dass Sie noch das sind, also indem Sie es zum Beispiel immer am Morgen aufnehmen, wenn es aufwacht. So kann es Schritt für Schritt auch längere Abwesenheiten aushalten, denn seine Erfahrung sagt ihm, dass Sie immer wieder da sind.

Selbstverständlich gilt das nicht nur für die Mutter, sondern auch für den Vater. Auch wenn das Kind in der Phase der Vertrauensbildung schon aufgrund des Stillens an der Brust primär auf die Mutter ausgerichtet ist, kommt dem Vater eine wichtige Rolle zu, indem er die Mutter wo immer möglich entlastet und ihr auch das Kind immer wieder abnimmt. Denn die ständige Anwesenheit für ein Kind kann äusserst anstrengend sein. Die Rolle des Vaters mag in dieser Zeit eher eine unterstützende und passive sein, doch ist gerade das Voraussetzung, um in der nachfolgenden Phase der Willensbildung dem Kind auch den nötigen Widerstand entgegenbringen zu können. Denn nur wenn das Vertrauensverhältnis tragfähig genug ist, wird es den Eltern dannzumal auch möglich sein, Grenzen zu setzen, ansonsten die Verlustangst regelmässig zu gross sein wird.

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Wiederholungen

Verlässlichkeit erfährt das Kind vor allem durch Wiederholungen, sei es in Form von alltäglichen Ritualen, sei es in Form eines geregelten Tagesablaufs. Denn Rhythmus ist eine menschliche Grunderfahrung, angefangen vom Puls über den Atem bis zum Stillen. Ein Kleinkind lebt noch voll und ganz in der Gegenwart, das heisst, es hat noch keine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft. Erst durch die Erfahrung, dass es zum Beispiel jeden Morgen bei Ihnen aufwacht oder von Ihnen gestillt wird, erlebt es Verlässlichkeit und gewinnt Vertrauen in den Lauf der Dinge. Während der Rhythmus des Puls' und des Atems schon gegeben sind, muss das Kind den Schlaf- und Stillrhythmus erst noch finden. Sie können ihm dabei helfen, indem Sie es möglichst immer auf die gleiche Art und Weise stillen und einschlafen lassen. So wird es von alleine seinen Rhythmus finden!

Auch grössere Kinder lieben Wiederholungen, zum Beispiel wenn es um Ferien geht. Die Wiederkehr an bereits vertraute Orte gibt ihnen Sicherheit. Das sollten Sie auch berücksichtigen, wenn Sie selbst lieber etwas mehr Abwechslung hätten, denn Sie werden sich nur dann wirklich erholen können, wenn es den Kindern am Ferienort gefällt und sie sich wohl fühlen. Aber auch etwas schwierigere Themen wie zum Beispiel Schulaufgaben oder Übungsstunden lassen sich viel einfacher angehen, wenn sich das Kind erst einmal an eine Regelmässigkeit gewöhnt hat.

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Einhaltung von Regeln und Abmachungen

Gerade aus Wiederholungen kann das Kind auch Regeln erfahren. Wenn Sie ihm zum Beispiel regelmässig abends die Zähnen putzen, wird es sich schon nach wenigen Malen daran gewöhnen und nicht mehr darauf verzichten wollen. Gerade in der Phase der Vertrauensbildung werden Regeln und Abmachungen vom Kind ohne weiteres angenommen, jedenfalls wenn sie einigermassen vernünftig sind und von der Eltern mit Überzeugung ausgesprochen werden. Entscheidend ist aber, dass Sie nicht nur vom Kind verlangen, dass es sich daran hält, sondern dass Sie sich selbst auch an die Regeln und Abmachungen halten. Unter Umständen müssen Sie da auch wieder etwas strenger zu sich werden, wenn Sie es in Ihrem Leben eher locker nahmen. Denn Kinder brauchen von Ihnen zumindest in den ersten, entscheidenden Phasen der Erziehung sehr viel Klarheit, um die nötige Sicherheit zu gewinnen.

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Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)

Grenzen

Wenn das Kind beginnt seine Willen zu entwickeln, in der Regel etwa im dritten Lebensjahr, muss es sich auf seine Eltern verlassen können, dass sie ihm Grenzen setzen. Denn der frisch erwachte Wille des Kindes kann derart starke Kräfte freisetzen, dass das Kind sehr schnell und sprichwörtlich zu überborden und abzuheben droht. Eigentliche Allmachtsphantasien sind in dieser Zeit typisch. Das Kind braucht deshalb unbedingt auch Ihren Widerstand, ansonsten es sich ernsthaften Gefahren aussetzen wird. Während sich das Kind in der Phase der Vertrauensbildung vor allem auf seine (stillende) Mutter verlässt, ist es nun archetypisch der Vater, auf den sich das Kind sollte verlassen können. Umgekehrt kann nun die Mutter zunächst eine unterstützende Rolle einnehmen. Das gilt insbesondere für eine gewisse Solidarität mit dem Vater, wenn dieser "Nein!" sagt. Wenn sich die Mutter hingegen vom Kind erweichen lässt, ist das im Grunde genommen eine Sabotage, die das Kind vor allem verwirren wird, also ziemlich genau das Gegenteil von Verlässlichkeit bewirkt. Die Rollenverteilung ist selbstverständlich bloss eine archetypische, das heisst, so wie der Vater zuvor lernen musste, zum Kind uneingeschränkt "Ja" zusagen, muss auch die Mutter lernen "Nein!" zu sagen. Schliesslich sollten beide Elternteile beide Rollen der Erziehung einnehmen können.

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Einhaltung von Vereinbarungen

Vereinbarungen sind das beste Mittel sowohl für die Eltern als auch für die Kinder, um gemeinsam Grenzen festzulegen. Dabei ist besonders wichtig, dass die Vereinbarungen zusammen mit dem Kind getroffen werden. Denn Grenzen trennen nicht nur, sondern sie sind umgekehrt auch genau die Linie, an der sich zwei Menschen berühren! Die Verantwortung bleibt aber bei Ihnen als Eltern. Sie müssen dafür sorgen, dass sich das Kind am regeln beteiligt und Sie müssen prüfen, ob die vereinbarten Regeln eingehalten werden. Und schliesslich müssen Sie sich ebenso an die Vereinbarungen halten. Das mag zwar selbstverständlich klingen, doch genügt es sich daran zu erinnern erinnern, wie "grosszügig" Sie sich zum Bespiel an die Strassenverkehrsregeln halten.

Verlässlichkeit bedeutet auch, dass Sie konsequent handeln. Wenn Sie mit dem Kind zum Beispiel die Regel haben, dass es erst dann mit einem neuen Spiel beginnen darf, nachdem es die herumliegenden Spielsachen aufgeräumt hat, müssen Sie auch dann dabei bleiben, wenn sich das Kind weigert oder sogar zu toben beginnt (was im übrigen eine durchaus natürliche Reaktion des Kindes in der Phase der Willensbildung ist!).

Falls Sie mit Drohungen arbeiten, müssen Sie diese Drohungen gegebenenfalls auch tatsächlich umsetzen, ansonsten das Kind sehr schnell "lernen" wird, dass es Ihnen besser nicht vertraut. Verzichten Sie deshalb besser gleich von Anfang auf Drohungen, da diese weder nötig noch hilfreich sind, sondern ganz im Gegenteil höchst kontraproduktiv. Denn eigentlich geht es um Grenzen!

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Anwesenheit

Schliesslich können Eltern natürlich nur dann wirklich verlässlich sein, wenn sie auch anwesend sind. Dabei geht es weniger um die absolute Zeit, die Sie mit dem Kind verbringen, als um die Frage, für wen Sie sich im Zweifel entscheiden: Eher für die Karriere als für das Kind? Eher für das Bier mit Freunden als für das Kind? Selbstverständlich dürfen und sollen Sie auch Ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen, doch wird das Kind sehr genau spüren, wie wichtig es für Sie ist! Wenn Sie sich entscheiden müssen, sollten Sie zumindest von der Kooperationsbereitschaft des Kindes ausgehen und mit ihm offen besprechen, weshalb Sie keine Zeit für es haben. Denn Kinder können, gerade in der Phase der Willensbildung, sehr wohl Kompromisse eingehen, wenn ihre Anliegen ebenfalls erst genommen werden!

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Verlässlichkeit und Kooperationsbereitschaft

Kinder sind nicht nur auf Gedeih und Verderb von der elterlichen Fürsorge abhängig, sondern sie sind sich auch durchaus bewusst, dass ihre Eltern nur dann für sie sorgen können, wenn diese genügend fit sind. Wenn Sie an Ihre Grenzen kommen, dürfen, ja sollen Sie das dem Kind offen und ehrlich mitteilen ("Ich mag jetzt nicht mehr"), ohne dass Sie ihm Vorwürfe machen ("Du laugst mich aus!") oder es verspotten ("Du benimmst Dich ja noch wie ein Baby!"). Dann können Sie mit dem Kind zusammen eine Lösung suchen und Sie werden staunen, wie kreativ es sein kann! Versuchen Sie dabei immer sowohl die Bedürfnisse des Kindes als auch Ihre eigenen zu benennen. Kinder sind äusserst kooperativ, wenn sie spüren, dass sie ernst genommen werden! Beginnen Sie möglichst früh damit und mit einfachen, alltäglichen Dingen. So kann das Kind zum Beispiel Ihnen helfen, einige Dinge des Einkaufs nach Hause zu tragen. Das mag Ihnen am Anfang vielleicht umständlich und noch wenig hilfreich vorkommen, doch freut sich das Kind, dass es Ihnen "helfen" darf und wird später viel eher bereit sein, Ihnen wirklich zu helfen, da es diese Zusammenarbeit zuvor schon als etwas Positives erleben durfte.

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Folgen mangelnder Verlässlichkeit

Kann sich das Kind nicht oder zu wenig auf seine Eltern verlassen, wird das nicht nur sein Vertrauen in die Eltern, sondern im gleichen Masse sein Selbstvertrauen beeinträchtigen. Und da das Kind seine Eltern immer zum Vorbild nimmt, also auch in negativer Hinsicht, wird man von ihm auch nicht erwarten können, dass es von sich aus einfach gelernt hätte, Abmachungen und Vereinbarungen einzuhalten.

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Weiterführende Themen

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Übergeordnetes Prinzip

Selbstvertrauen (erstes Grundprinzip der Erziehung)


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